Die familiäre Vorbelastung spielt bei Prostatakrebs eine wichtige Rolle. Mittels genetischer Beratung und Untersuchung können Männer ihr Risiko individuell ermitteln lassen. Einige Antworten liefert bereits der Familienstammbaum: Wichtige Hinweise finden sich nicht nur in der Krankheitsgeschichten der Väter und Grossväter, sondern auch der weiblichen Verwandten, sagt Prof. Dr. med. Thomas Szucs, Co-Direktor bei Hirslanden Precise.

Dass die Veranlagung zu Brustkrebs vererbt werden kann, ist spätestens seit Angelina Jolie bekannt. Welche Rolle spielen unsere Gene bei Prostatakrebs?

Eine sehr wichtige! Auch bei Prostatakrebs können wir über die Krankheitsgeschichte in rund 20 Prozent der Fälle einen familiären Bezug herstellen. Das heisst, dass bei jedem fünften Patienten bereits Angehörige erkrankt waren. Die neusten Daten von untersuchten Tumoren zeigen, dass in 10-15% aller Tumore, erbliche Varianten vorhanden sind.

Gibt es auch ohne Gentest Hinweise auf eine erbliche Veranlagung?

Ja. Hier spielen zwei Faktoren eine Rolle. Wenn bei Verwandten unter 65 Jahren Prostatakrebs aufgetreten ist, oder wenn bei drei aufeinander folgenden Generationen Prostatakrebs aufgetreten ist. Hier schauen wir sowohl in der väterlichen als auch in der mütterlichen Linie, ob beim Vater oder Grossvater Prostatakrebs aufgetreten ist. Das Alter der Betroffenen spielt in diesen Fällen keine Rolle.

Seit wann wissen wir, dass auch Prostatakrebs vererbbar ist?

Das wissen wir schon länger. Neu ist allerdings, dass wir immer mehr verstehen, wie das Karzinom genetisch aufgebaut ist. Wir finden zunehmend interessante Genvarianten, deren Rolle man neu sehen muss. Dazu zählt unter anderem die Genmutation BRCA2, also das Angelina-Jolie-Gen, wenn man so will. Wir wissen, dass etwa jedes fünfte Prostatakarzinom auf eine BRCA2-Mutation zurück geht. Wir wissen aber inzwischen auch, dass noch andere Gene an der Entwicklung von Prostatakrebs beteiligt sind. Wir sind also erst am Anfang einer grossen und spannenden Reise.

Für wen ist ein Gentest überhaupt sinnvoll?

Es gibt drei klinische Hinweise, die für einen Gentest sprechen: Erstens, wenn in der Familie mehrfach Prostatakrebs aufgetreten ist. Ebenfalls ein starker Hinweis ist, wenn ein Angehöriger unter 65 Jahren an Prostatakrebs erkrankt ist. Ein dritter Hinweis ist, wenn in der Familie andere Karzinome, insbesondere Brustkrebs oder Eierstockkrebs, aufgetreten sind. Danach frage ich immer. Bei der Ermittlung des vererbbaren Prostatakrebs muss man auch auf die Frauen schauen.

Was habe ich davon, wenn ich weiss, dass ich so eine Genmutation in mir trage?

In diesen Fällen kann man ganz konkrete Massnahmen ergreifen und genauer hinschauen, bevor überhaupt jemand erkrankt. Wir empfehlen meist eine intensivere Vorsorge. Auch hier gibt es inzwischen neue Hightech Untersuchungen. Etwa eine multiparametrische MRI-Untersuchung. Das ist eine spezielle MRI-Untersuchung der Prostata: Ohne Finger, dafür mit einer viel höheren Präzision. Wenn diese positiv ist, macht man eine Biopsie. Wie gesagt, durch das MRI kann man hier sehr viel gezielter vorgehen.

Und was bringt eine Genanalyse den bereits Erkrankten?

Eine Genanalyse eröffnet Erkrankten gegebenenfalls auch neue Therapiemöglichkeiten. Bei einer entsprechenden Genmutation können zum Beispiel Medikamente verschrieben werden, die bereits bei Brustkrebs-Patientinnen erfolgreich zum Einsatz kommen. Die Tumortherapie ist heute nicht mehr organspezifisch. Wir behandeln nicht mehr das Organ, sondern die Genvariante. Damit eröffnen wir hier ganz neue Chancen.

Die Nachfrage bei Frauen, die ihr Brustkrebsrisiko bei Precise ermitteln lassen wollen, ist relativ hoch. Welche Männer kommen zu Ihnen in die Praxis?

Beim Thema Prostatakrebs sind das vor allem Männer, die ihre Vorsorge planen und wissen wollen, ob sie familiär vorbelastet sind. Es gibt aber auch Patienten, die bereits ein Karzinom haben und ihre Angehörigen schützen wollen. Dann sehen wir uns den Familienstammbaum an und überlegen, ob in der Familie tatsächlich eine Hochrisikosituation vorhanden ist. In diesen Fällen empfehlen wir noch nicht erkrankten Angehörigen entsprechende Vorsorgeuntersuchungen.

Wie läuft eine genetische Untersuchung bei Hirslanden Precise ab?

Im Vorgespräch stellen wir zunächst den Stammbaum auf. Dabei schauen wir nicht nur auf Prostatakrebs, sondern auch auf andere Risiken. Wenn es Indizien für eine familiäre Veranlagung gibt, dann machen unter anderem eine BRCA2-Testung. Für diese Testungen gibt es entsprechende Guidelines, an denen wir uns natürlich orientieren.

Werden diese Gentests auch bei obligatorisch Versicherten von der Krankenkasse übernommen?

Eine genetische Untersuchung kostet etwa 4000 Franken und wird bei entsprechenden Risikofaktoren auch meist übernommen. Die familiäre Belastung muss aber auf jeden Fall vorhanden sein. Da die Gentests in der Regel noch nicht in der Krankenleistungsverordnung aufgeführt sind, müssen wir in den meisten Fällen eine Kostengutsprache stellen. Dafür besprechen wir die Fälle in einem interdisziplinären Genomik Board. Manchmal errechnen wir die Wahrscheinlichkeit einer Mutation auch anhand mathematischer Modelle. Stimmt die Krankenkasse zu, dann bestimmen wir anhand einer Blutprobe die Gene und schauen, ob Mutationen vorhanden sind, die ein Prostatakarzinom begünstigen können.

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