Ob in der Prävention, Diagnostik oder Therapie – es ist enorm wichtig, die grossen Unterschiede zwischen Patientinnen und Patienten zu verstehen und das medizinische Vorgehen entsprechend anzupassen, weiss Prof. Dr. med. Thomas D. Szucs.

Weshalb soll Hirslanden in die Genmedizin einsteigen?

Es gibt kaum eine Krankheit, bei der die Gene eines Menschen keine Rolle spielen. Dabei sind allerdings keine zwei Menschen genetisch 100 Prozent identisch. Deshalb ist es so wichtig, dass wir Gene generell besser verstehen und entsprechende Erkenntnisse ableiten. Gene liefern jedoch kein einfaches Ja oder Nein, vielmehr sind sie unglaublich variantenreich. Bei vielen solchen Genvarianten wissen wir heute noch nicht mit Sicherheit, ob sie gut- oder bösartig sind. Auch deshalb ist es extrem wichtig, alle diese Erkenntnisse mit Datenbanken abzugleichen und kontinuierlich daraus zu lernen.

Diese Erkenntnisse werden dann für eine personalisierte Medizin genutzt?

Richtig. Je besser wir Gene verstehen, desto eher begreifen wir auch, warum der eine Patient beispielsweise auf ein Medikament anspricht und ein anderer nicht; warum bei einem Familienmitglied eine vererbbare Krankheit ausbricht, während ein anderes gesund bleibt. Ob in der Prävention, Diagnostik oder Therapie – es ist enorm wichtig, die grossen Unterschiede zwischen den Patientinnen und Patienten zu begreifen und das medizinische Vorgehen entsprechend anzupassen.

In welchen Bereichen kommt die Genmedizin bei Hirslanden besonders häufig zum Einsatz?

Die Pharmakogenetik ist ein wichtiger Bereich der Genmedizin. Wir bieten diese Dienstleistung in der Klinik Hirslanden in Zürich schon seit einigen Jahren an. Mit solchen Gentests versuchen wir herauszufinden, wie ein Medikament oder eine Therapie im Körper eines Menschen wirkt. Die schlimmste Behandlung ist jene, bei der die Patientin oder der Patient nicht nur unter der eigentlichen Krankheit, sondern zusätzlich unter den Nebenwirkungen der verabreichten Medikamente leidet oder sogar daran stirbt. Mit einem Gentest kann man vielfach schon im Voraus herausfinden, wie gut sich eine Therapie tatsächlich für jemanden eignet. Doch auch das Gegenteil kann der Fall sein – ein Medikament schlägt bei einer Patientin oder einem Patienten überhaupt nicht an. Das kommt zum Beispiel bei Opiaten vermehrt vor. Dem liegt vielfach eine Genvariante zugrunde, die dazu führt, dass die Person mehr Morphin benötigt, als zu erwarten wäre.

Gibt es noch weitere Disziplinen, in denen die Genmedizin besonders nützlich ist?

Auch im Bereich der Herzmedizin helfen uns Gentests dabei, das Herz-Kreislauf-System einer Person besser zu verstehen, allfällige Rhythmusstörungen oder Probleme mit dem Herzmuskel schon frühzeitig zu erkennen. Wenn ein junger, fitter Mensch beispielsweise einen plötzlichen Herztod erleidet, können sich die Angehörigen fragen, ob es sich dabei um einen schrecklichen Ausnahmefall handelte oder aber eine entsprechende Genvariation der Auslöser war, die allenfalls auch andere Familienmitglieder in sich tragen. Dasselbe gilt im Bereich der Onkologie. Wenn eine Person aufgrund des Stammbaums gefährdeter ist, eine Art von Krebs zu entwickeln, kann ein Gentest dabei helfen, das Risiko zuverlässiger zu identifizieren und prophylaktische Schritte in Erwägung zu ziehen.

Genmedizin ist also mehr als ein Blick in die Glaskugel?

Leider wird Genmedizin häufig als Kaffeesatzleserei missverstanden. Das trifft natürlich überhaupt nicht zu. Aber es ist tatsächlich so, dass wir noch nicht alle Genvarianten ausreichend verstehen, um in jedem Fall mit Sicherheit sagen zu können, wie hoch der Krankheitswert ist. In solchen Fällen gilt es abzuwägen, welche Genvarianten man genauer studiert, um mehr über sie zu lernen. Das ist auch eine wichtige Aufgabe im Rahmen von Hirslanden Precise.

Was genau ist Hirslanden Precise?

Die Fortschritte in der Genom- und Molekularmedizin ermöglichen es uns, die menschliche Gesundheit bedeutend und nachhaltig zu verändern: Mit präziseren Vorhersagen, personalisierter Prävention und Früherkennung sowie individuellen Krankheitsbehandlungen. Genau da setzen wir mit Hirslanden Precise an. Es handelt sich dabei um ein neues, ganzheitliches Angebot im Bereich der personalisierten Medizin.  Unsere Leistungen umfassen die genetische Beratung von Patientinnen und Patienten in enger Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt oder Facharzt, die eigentlichen genetischen Analysen, den Einsatz von Genomic Boards wo nötig sowie die Auswertung, Interpretation und Besprechung der Ergebnisse mit dem Patienten und dem überweisenden Arzt. Unser oberstes Ziel ist es dabei, die Lebensqualität von Menschen basierend auf ihren einzigartigen genetischen Voraussetzungen zu verbessern.

Wann also macht ein Gentest Sinn?

Ein Gentest verlangt stets einen klinischen Kontext. Das bedeutet, dass etwa der Stammbaum einer Person überprüft wird und selbstverständlich auch Symptome und frühere Befunde miteinspielen. Das Ziel eines solchen Tests sollte immer eine therapeutische Konsequenz sein. Um diese Ergebnisse zu bekommen, braucht es präzise Fragestellungen und möglichst viele Zusatzinformationen. Wichtig zu wissen ist aber auch: Die DNA bestimmt nicht das Schicksal. Genvarianten können durch verschiedene Faktoren wie etwa Umwelteinflüsse ein- und ausgeschaltet werden. Genmedizin hilft also dabei, mehr Klarheit zu schaffen. Absolute Gewissheit gibt es jedoch nie. Die Präzisionsmedizin ist lediglich ein weiteres Element im gesamten diagnostischen und therapeutischen Prozess.

Das verlangt viel Expertise. Wie wird diese bei Hirslanden sichergestellt?

Dafür betreiben wir ein sogenanntes Genomics Board. Im Rahmen dessen besprechen Fachpersonen aus Chirurgie, Intensivmedizin, Innere Medizin und Genetik verschiedene Fälle und versuchen, gemeinsam ein geeignetes Vorgehen festzulegen. Jeder Gentest ist nur so gut wie die klinische Information, welche dem Labor mitgeliefert wird. Deshalb müssen wir auch die sogenannten Genetic Champions an Bord holen, die das Know-how als Botschafter in die einzelnen Kliniken hinaustragen, die Mitarbeitenden dort auf das Thema sensibilisieren und entsprechend schulen.

Wie läuft ein genetisches Testing konkret ab?

Nehmen wir das Beispiel eines Patienten, der mit seiner medikamentösen Therapie unzufrieden ist. Teilweise wenden sich solche Patienten direkt an Genetik-Fachperson, teilweise sind es aber auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte, die uns kontaktieren, wenn ihre Patienten nicht gut auf die Medikation ansprechen. In der Regel führe ich ein ausführliches Vorgespräch mit der Patientin oder dem Patienten. Wenn die Person sich zu einem Gentest entschieden hat, entnehmen wir ihr Blut und schicken es ins Labor. Nach fünf bis sieben Wochen erhalten wir ein Ergebnis, das ich dann wiederum ausführlich mit dem Patienten bespreche. Im Anschluss wird basierend auf den Testresultaten und unter Einbezug aller involvierten Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit dem Patienten ein Therapieplan besprochen.

Fünf bis sieben Wochen ist eine lange Wartezeit. Warum geht das nicht schneller?

Genau diese Frage haben auch wir uns gestellt. Wir wollen schneller sein. Deshalb möchte die Hirslanden-Gruppe mittelfristig ihr eigenes Genlabor aufbauen. Das ist natürlich hochkomplex, verlangt eine Akkreditierung, verschiedenste Bewilligungen und Zertifizierungen, aber wir erhoffen uns dadurch nicht nur eine effizientere Abwicklung der Tests, sondern auch eine Qualitätssteigerung. Damit wäre Hirslanden die erste Privatklinikgruppe in der Schweiz mit einem solchen Angebot.