Frauengesundheit ist ein Teilbereich der Medizin, der sich mit der Prävention, Diagnose und Behandlung von Krankheiten und Zuständen befasst, die das körperliche und seelische Wohlbefinden der Frau beeinflussen oder beeinträchtigen. Dazu zählen nicht nur Themen wie Schwangerschaft, Familienplanung oder die Menopause, sondern auch Krankheiten im Bereich Krebs, Herz-Kreislauf, Muskuloskelettal oder Neurologie. Im Interview anlässlich des internationalen Frauentags vom 8. März 2023 gibt Prof. Dr. med. Thomas D. Szucs Auskunft über die Themen Frauengesundheit und Genmedizin.

Prof. Szucs, weshalb haben Gene einen unterschiedlichen Einfluss auf die Frauen- und Männergesundheit?

Dazu muss ich etwas ausholen. Das Geschlecht eines Individuums wird von zwei Chromosomen bestimmt: X und Y. Frauen besitzen zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Das X-Chromosom ist etwa dreimal länger als das Y-Chromosom und enthält rund 900 Gene, während das Y-Chromosom ca. 55 Gene hat. Rein numerisch betrachtet, fehlen den Männern gewisse Gene. Wir lernen zunehmend, dass dieser Umstand bei der Prävention, Diagnostik und Therapie von Frauen beachtet werden muss.

Können Sie ein Beispiel machen?

Nehmen wir das weibliche Geschlechtshormon Östrogen. Es hat eine gewisse schützende Wirkung auf Herz und Kreislauf. Ist das Hormon vorhanden, ist das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen – zum Beispiel Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall – kleiner. Männer haben also ein höheres Risiko für einen Herzinfarkt als Frauen. Zusätzlich ist dann auch die Überlebenschance bei Frauen höher. Neben Genetik, Biologie, Geschlechtshormonen, Alter und Begleiterkrankungen ist aber auch die Untertherapie dafür verantwortlich. Man weiss, dass Männer gerade bei Langzeitbehandlungen nicht so therapietreu sind wie Frauen. Geht es darum, Medikamente regelmässig und in der richtigen Dosierung einzunehmen, machen das Frauen besser.

Was scheint Ihnen bei der Frauengesundheit zentral zu sein?

Frauengesundheit heisst, sich darauf zu konzentrieren, dass man eine Frau vor sich hat. Sie ist anders als ein Mann, und man muss ihre Gesamtgesundheit betrachten. Frauengesundheit ist nicht nur klassische Gynäkologie. Die Genetik spielt hinein, und auch die Pharmakologie und die Pharmakotherapie. In der Pharmakologie wird untersucht, wie Arzneimittel auf den Körper wirken. Als Pharmakotherapie bezeichnet man die Behandlung von Erkrankungen mithilfe von Arzneimitteln. Wir wissen heute, dass Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern.

Weshalb wirken Medikamente bei Frauen anders als bei Männern?

Für die unterschiedliche Wirkung von Medikamenten bei Frauen und Männern sind vor allem physiologische Unterschiede verantwortlich: Körperzusammensetzung (Fettmasse, Magermasse, Wasser), Herzfrequenzschwankungen, die Bewegungen im Magen- und Darmbereich, Magensäuregehalt, Leberenzyme und Nierenausscheidung. So werden Medikamente im Körper der Frau meist langsamer verarbeitet und ausgeschieden als bei Männern, da sie im Durchschnitt eine langsamere Magen-Darm-Beweglichkeit haben. Deshalb muss auch die Therapie von Frauen und Männern unterschiedlich sein. Gendermedizin nennt man das heute. Die Gendermedizin konzentriert sich auf die geschlechtsspezifische Erforschung der Prävention und Behandlung von Krankheiten.

Was wäre in Ihren Augen für die Frauen das Beste?

So wie ich es verstehe, ist die Bildung von Zentren oder Gruppenpraxen zielführend, in denen Frauen diese verschiedenen Disziplinen unter einem Dach vorfinden. Zudem muss die unterschiedliche Wirksamkeit von Medikamenten bei Frauen und Männern weiter erforscht werden. Das ist noch zu wenig untersucht. Es gibt zwar viele Daten. Diese wurden aber noch nicht zusammengeführt. Frauengesundheit ist «work in progress», wir lernen täglich dazu. Ich glaube, wir dürfen noch einiges aus dieser Disziplin erwarten.

Welche Rolle spielen die Gene der Frau bei der Prävention?

Die Gene sind sehr stark dafür verantwortlich, ob wir gesund oder krank sind. Es gibt Krankheiten, die grundsätzlich bei Frauen häufiger sind. Sie leiden zum Beispiel mehr als doppelt so oft unter Multiple-Sklerose als Männer. Zwei Drittel der Personen, die Alzheimer haben, sind Frauen. Von Krebs hingegen sind mehr Männer betroffen als Frauen, auch bei Epilepsie und Parkinson ist das der Fall. Wir wissen: Es gibt bei Erkrankungen Geschlechtsunterschiede. Ein Faktor davon sind die Gene. Wenn ich Vorsorgeuntersuchungen mache, muss ich dies berücksichtigen und je nachdem einen anderen Gentest machen. Indem wir die Gene berücksichtigen, wollen wir einen Beitrag leisten, dass in der Frauengesundheit nicht nur die klassischen Faktoren berücksichtigt werden.

Wann ist es für eine Frau besonders ratsam, eine genetische Beratung in Anspruch zu nehmen?

Das wiederum ist für Frauen und Männer gleich: Viele Krankheiten haben einen vererbbaren Anteil. Wenn eine Person Verwandte ersten oder zweiten Grades hat, die beispielsweise früh Krebs hatten, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Person auch eine genetische Variante hat. Dieses Risiko lässt sich aufdecken. Man kann individuelle Präventionsmassnahmen einleiten, zum Beispiel die Brust häufiger untersuchen oder häufigere Magen- oder Magen-Darm-Spiegelungen machen. Kann man ein erhöhtes Risiko ausschliessen, ist das für die betroffene Person und ihre Angehörigen eine grosse Erleichterung. Es ist nie falsch, über die Gene nachzudenken und Fachhilfe in Anspruch zu nehmen. Deshalb würde ich sagen, dass genetische Beratung immer Sinn macht. Das ist eine «normale» ärztliche Sprechstunde bei einem Genetikspezialisten oder einer Genetikspezialistin, die von der Krankenkasse übernommen wird. Das heisst aber nicht sofort, dass man eine genetische Analyse auch macht.

 

Weitere Beiträge zum Thema Genmedizin

 

Zweifeln Sie daran, ob eine genetische Untersuchung für Sie sinnvoll ist? Wir unterstützen und beraten Sie gerne: hirslanden.precise@hirslanden.ch / 044 511 39 11