Lungenkrebs ist schon länger die häufigste tödliche Krebsart bei Männern und auch bei den Frauen stark zunehmend. Ein Grund dafür ist, dass viele Patienten zu spät reagieren und erst zum Arzt gehen, wenn ihr Krebs bereits nicht mehr behandelbar ist. Prof. Dr. med. Othmar Schöb erzählt im Interview über die Tücken der Krankheit und wie sich die Risikofaktoren minimieren lassen.

Herr Prof. Dr. Schöb, weshalb ist Lungenkrebs so oft tödlich?

Prof. Dr. med. Othmar Schöb: Grundsätzlich wäre auch Lungenkrebs wie andere Krebsarten behandelbar. Das Problem beim Lungenkrebs ist, dass viele Betroffene die Möglichkeit einer Erkrankung verdrängen, dies auch deshalb, weil der Krebs im behandelbaren Frühstadium kaum Symptome verursacht. Deshalb sehe ich Lungenkrebs oft erst in den fortgeschrittenen Stadien. Dann ist es leider oft zu spät: Nur ein Viertel unserer diagnostizierten Patienten ist überhaupt noch behandelbar. Deshalb ist die Fünfjahresmortalität bei Lungenkrebs auch so hoch: Nur 14% der Patienten leben fünf Jahre nach der Diagnose noch.

Wer ist besonders gefährdet, an Lungenkrebs zu erkranken?

Prof. Dr. med. Othmar Schöb: Es lässt sich nicht schönreden – unsere Risikogruppe sind die Raucher. Besonders Personen im Alter von 55 bis 75 Jahren, die während 30 Jahren mindestens ein Päckchen Zigaretten proTag geraucht haben, erkranken häufiger an einem Lungenkarzinom. Trotzdem ist genau dies die Zielgruppe, die sich nicht oder erst spät untersuchen lässt.

Erkranken Männer oder Frauen häufiger an Lungenkrebs?

Prof. Dr. med. Othmar Schöb: Früher war Rauchen eher Männersache, deshalb gab es lange Zeit mehr Fälle bei Männern. Doch seit Rauchen auch bei Frauen «salonfähig» ist, erkranken auch sie häufiger an Lungenkrebs. Mittlerweile ist das Bronchus-Karzinom auf dem Weg, an Stelle des Brustkrebses die häufigste tödliche Krebserkrankung bei Frauen zu werden.

Was denken Sie oder was raten Sie, wie könnte man die Risikogruppe besser für ein Screening motivieren?

Prof. Dr. med. Othmar Schöb: Aus meiner Sicht sind hier Angehörige, Freunde und ehemalige Raucher ganz entscheidend. Sie wollen einen lieben Menschen keinesfalls zu früh verlieren und sie können mehr bewirken als alle Abschreckungsbilder auf den Zigarettenpackungen.

Gibt es denn nicht schon früher deutliche Symptome?

Prof. Dr. med. Othmar Schöb: Lungenkrebs ist tückisch – es gibt oft keine erkennbaren Anzeichen für eine Erkrankung, ausser, sie ist schon weit fortgeschritten. Zuerst zeigen sich Symptome wie Husten, Fieber oder Atemschwierigkeiten, nur fällt das oft nicht weiter auf, weil starke Raucher ohnehin häufiger daran leiden. Viele Patienten melden sich erst, wenn sie schwere Symptome wie Bluthusten oder eine plötzliche, starke Gewichtsabnahme zeigen. Viele Raucher fühlen sich auch mit einem unentdeckten Lungenkrebs erstaunlich lange gut und sehen deshalb keinen Grund für eine Kontrolle.

Was denken Sie, wie lässt sich Lungenkrebs verhindern?

Prof. Dr. med. Othmar Schöb: Rauchen ist ein sehr wichtiger Risikofaktor. Nichtraucher erkranken deutlich seltener an Lungenkrebs, statistisch gesehen 35 mal weniger. Ganz wichtig ist deshalb, dass insbesondere junge Menschen gar nicht erst mit dem Rauchen beginnen. Meiner Meinung nach lässt sich dies am ehesten über den Zigarettenpreis bewerkstelligen. Erst wenn Zigaretten wirklich unerschwinglich geworden sind, werden weniger Leute zum Glimmstängel greifen.

Auch Passivrauchen ist schädlich und soll möglichst verhindert werden, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Die abschreckenden Statements und Bilder auf den Packungen wirken meines Erachtens nicht wirklich – schliesslich weiss jeder, wie schädlich Rauchen ist, und trotzdem tun es viele.

Wie lässt sich Lungenkrebs früher erkennen?

Prof. Dr. med. Othmar Schöb: Der beste Weg ist ein Computertomogramm der Lunge. Dieses sogenannte Lungen-Screening ist einfach, geht schnell und kostet um die CHF 400.–. Leider werden die Kosten für das systematische Screening bisher nicht von der Krankenkasse übernommen. Dabei kann eine Früherkennung Leben retten: Ich behaupte, dass ein sehr konsequentes Screening die Fünfjahresüberlebensrate von aktuell 14 % auf über 50% ansteigen liesse. Damit käme der Lungenkrebs prognostisch in ähnliche Bereiche wie Dickdarm-, Brust- oder Prostatakrebs, wo Screeningprogramme längst von der Krankenkasse bezahlt, ja sogar empfohlen werden.

Was braucht es für die Zukunft?

Prof. Dr. med. Othmar Schöb: Es braucht zwei Dinge: Erstens ein Screening der definierten Risikogruppe, motiviert durch immer wiederkehrende Aufklärung und Reklame. Ich wäre beispielsweise dafür, den Screeningaufruf direkt auf die Zigarettenpackungen zu drucken. Ebenso wichtig sind die Angehörigen, welche die Betroffenen aktiv dazu motivieren, sich screenen zu lassen – vielleicht einen Gutschein dafür verschenken? Und zweitens braucht es uns Wissenschaftler, um den Krankenkassen klar zu machen, dass diese Screeninguntersuchung unbedingt bezahlt werden muss, analog der Mammographie und anderer Vorsorgeuntersuchungen.

(Quelle: Interview mit Prof. Dr. med. Othmar Schöb im Mitgliedermagazin „Rotary“ (Rotary Suisse/Liechtenstein, Feb. 2014)