Eine Patientin litt wegen eines Hirntumors unter Persönlichkeitsstörungen. Dank der fachübergreifenden Behandlung im Bereich Neurochirurgie und Neurologie ist sie heute wieder sie selbst.

Als die damals 66-jährige Patientin E. M.* Anfang des letzten Jahres unter enormer Antriebsschwäche, starker Müdigkeit und Gewichtszunahme leidet, ist sie bereits bei ihrem Hausarzt in Abklärung. Es wird eine Schilddrüsenfehlfunktion vermutet, doch der Bluttest zeigt nichts an. In ihrem Alltag machen sich die Symptome immer stärker bemerkbar. Sie vergisst und verlegt Sachen, mag nicht mehr kochen und verspürt keine Lust, irgendetwas in Angriff zu nehmen. Ihr Mann und sie gehen bald davon aus, dass sie an Depression oder gar Demenz erkrankt ist. E. M. selbst nimmt ihre Symptome nicht so stark wahr.

Eigrosser Hirntumor entdeckt

Der Ehemann erkennt aber seine Frau nicht wieder und besteht darauf, dass er beim nächsten Arztbesuch mit dabei ist. Dort schildert er das Verhalten seiner Frau aus seiner Sicht. Der Arzt wird hellhörig und überweist die Patientin umgehend an eine Neurologin, die ein MRI des Kopfes veranlasst.

Dieses zeigt im September 2017 ein etwa eigrosses Meningeom im Frontalhirn. Meningeome sind meistens gutartige, langsam wachsende Tumore, die von den Häuten des Gehirns ausgehen. Je nach Lokalisation können sie verschiedene Symptome hervorrufen. Im Frontalhirn werden der Antrieb, die Aufmerksamkeit, die Ideenproduktion und das räumliche Denkvermögen gesteuert und es gilt als Sitz der individuellen Persönlichkeit. Daher leidet E. M. unter einer derart starken Antriebslosigkeit und Persönlichkeitsstörungen.

Die Neurologin überweist die Patientin an Prof. Dr. med. Aminadav Mendelowitsch, der vor 15 Jahren die neurochirurgische Abteilung an der Hirslanden Klinik Aarau gründete und heute Co-Leiter des Neurozentrums Aarau ist. Er sieht einen solchen Fall nicht zum ersten Mal: «Die Symptome sind typisch für diese Lokalisation des Hirntumors», erklärt der Facharzt für Neurochirurgie. «Da sie aber mit vielen anderen Krankheiten zusammenhängen können, werden viele Patienten fälschlicherweise psychiatrisch behandelt.»

Hirntumor in vierstündiger Operation entfernt

Prof. Mendelowitsch reagiert rasch. Anfang Oktober entfernt er den Hirntumor in einer etwa vierstündigen Operation, die nicht ohne Risiken ist. «Der Tumor lag sehr tief und es bestand die Gefahr, dass die Hauptschlagader oder der Sehnerv beschädigt wird», erklärt er. Um das zu verhindern, führen Neurologen während der Operation ein intraoperatives Neuromonitoring durch. Damit kann während einer Operation in Vollnarkose die Funktion neurologischer Strukturen wie des Gehirns oder der Nerven permanent überwacht werden.

Trotz der Risiken habe sie keine Angst gehabt, sagt die Patientin. Ihre Wahrnehmung sei derart eingeschränkt gewesen, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als sich dem Ganzen zu überlassen. «Das war vielleicht sogar besser so, denn sonst hätte ich mich womöglich gewehrt», sagt die Patientin, die sonst Arztbesuche eher meidet. Ihr Mann hatte aber schnell Vertrauen zu Professor Mendelowitsch gefasst, der ihm alles verständlich und detailliert erklärte.

Der Weg zurück zur ursprünglichen Persönlichkeit

Bereits eine Woche nach dem Eingriff kann E. M. nach Hause gehen. Sofort verspürt sie den Drang, wieder Dinge zu erledigen. Schon bald kann sie ihre gewohnten Tätigkeiten wieder ausführen, geht mit dem Hund spazieren, erledigt die Buchhaltung und kümmert sich um Haus und Garten.

Heute ist die Patientin beinahe wieder gesund. Die Kontrolle bei der Neuropsychologin im April dieses Jahres bestätigt das. «Sie hat fast alle Funktionen wieder erlangt», sagt Mendelowitsch. Punktuell bestünden noch Störungen. Ab und zu hat sie Mühe, das richtige Wort zu finden, und die Reaktionsgeschwindigkeit ist leicht eingeschränkt, weshalb sie noch nicht Auto fahren darf. Die Patientin absolviert nun über die Dauer von eineinhalb Jahren ein ergotherapeutisches Hirnleistungstraining, um die exekutiven Funktionen wieder zu trainieren. Dazu gehören z. B. die Aufmerksamkeitssteuerung, die Emotions- und Verhaltensregulation, aber auch die motorische Kontrolle. Riechen wird die Patientin allerdings nicht mehr können, da der Tumor, der aus der Riechgrube gewachsen war, wegen seiner Grösse den Riechnerv zerstört hat.

Aus medizinischer Sicht sei der Fall faszinierend, sagt Prof. Mendelowitsch. «Es ist beeindruckend, dass die Patientin dank der medizinischen Behandlung ihre ursprüngliche Persönlichkeit wieder erlangt hat.» Das sei vor allem der guten Zusammenarbeit zwischen den neurologischen Fächern zu verdanken. Am meisten freut sich natürlich die Patientin, die ihre Krimis wieder lesen kann. «Ich funktioniere wieder», sagt sie und lacht.

*Name der Redaktion bekannt

 

Sehen Sie einen Ausschnitt aus einem Vortrag von Prof. Dr. med. Aminadav Mendelowitsch zum Thema «Moderne Behandlung von Hirntumoren»:

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