Prostatakrebs macht in der Schweiz fast 30 % aller Krebserkrankungen bei Männern aus. Jedes Jahr kommen etwa 6000 neue Erkrankungsfälle hinzu, weshalb Prostatakrebs die häufigste Krebsart bei Männern ist. Dr. Julien Schwartz, der am Institut für Urologie der Clinique Cecil in Lausanne tätig ist, erklärt uns den Ablauf einer Prostatakrebs-Vorsorgeuntersuchung sowie die Kriterien, die zu einer genauen und zuverlässigen Diagnosestellung beitragen.

Für wen ist eine Prostatakrebs-Vorsorgeuntersuchung sinnvoll?

Die meisten Patienten werden von ihrem Hausarzt zur Prostatakrebs-Vorsorgeuntersuchung überwiesen, erklärt Dr. Julien Schwartz. Die Überweisung erfolgt meist aufgrund eines zu hohen PSA-Wertes im Blut, nach einer verdächtigen rektalen Untersuchung oder weil eine familiäre Veranlagung vorliegt. Denn Patienten, bei denen ein Elternteil ersten Grades (Bruder oder Vater) an Prostatakrebs erkrankt war, haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Folglich wird diesen Patienten ab dem Alter von 45 Jahren eine regelmässige Vorsorgeuntersuchung empfohlen. Männern, die kein erhöhtes Prostatakrebsrisiko aufgrund familiärer Erkrankungen haben, wird eine solche Untersuchung hingegen erst ab dem 50. Lebensjahr angeraten. In beiden Fällen wird empfohlen, einmal pro Jahr zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen, um einen Prostatakrebs frühzeitig zu entdecken.

«Im Gegensatz zum Brustkrebsscreening handelt es sich bei der Prostatakrebsvorsorge um ein Vorsorgeangebot und nicht um ein systematisches Screening-Programm», betont Dr. Schwartz. Folglich ist es sehr wichtig, die Patienten darüber aufzuklären, dass nach der Feststellung eines erhöhten PSA-Wertes weitere Untersuchungen wie eine Prostatabiopsie und/oder ein MRT sowie eine anschliessende Operation und/oder Strahlentherapie folgen können. Im Klartext: ein «möglicherweise mühsamer, umfangreicher und kostenintensiver Prozess». «Der Prostatakrebs entwickelt sich in 95 % der Fälle sehr langsam» erklärt Dr. Schwartz. Deshalb sollte man wissen, dass sich der Entscheid für eine Behandlung, nachdem ein Prostatakarzinom entdeckt wurde, nach dem Gesundheitszustand und Alter des Patienten richtet: «Bei einem schlechten allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten oder einem Alter über 75 Jahren werden üblicherweise Kontrolluntersuchungen, eventuell ergänzt durch eine Hormontherapie, vorgeschlagen», fährt Dr. Schwartz fort. Denn der Nutzen der Behandlung wird erst nach einem Zeitraum von zehn Jahren spürbar.

Welche Untersuchungen werden bei der Prostatakrebsvorsorge durchgeführt?

  • Urologische Anamnese: Zunächst führt der Arzt im Gespräch eine zielgerichtete urologische Anamnese durch. Deren Ziel besteht darin, Beschwerden wie Blut im Urin, einen schwachen oder unregelmässigen Harnstrahl, vermehrten Harndrang usw. aufzuspüren, welche auch auf eine andere Erkrankung der Prostata oder Harnblase hinweisen könnten.
  • Rektale Untersuchung: Bei der rektalen Untersuchung kann der Arzt über die Rektumwand die Prostata abtasten, um ihre Grösse, Konsistenz und Form zu beurteilen. Dabei kann er eine Vergrösserung oder Unregelmässigkeiten feststellen, die auf ein Prostatakarzinom hinweisen können.
  • PSA-Test: Beim PSA-Test handelt es sich um eine Blutentnahme zur Bestimmung des PSA-Wertes. Der PSA-Wert oder das «prostataspezifische Antigen» ist ein von der Prostata produziertes Protein. Dr. Schwartz präzisiert, dass es unterschiedlich lange dauert, bis man die Untersuchungsresultate des PSA-Tests erhält: Verfügt der Urologe über ein spezielles Gerät, können die Resultate dem Patienten direkt mitgeteilt werden, andernfalls muss man einige Tage warten. Selbst bei Patienten, die von ihrem behandelnden Arzt aufgrund eines erhöhten PSA-Wertes überwiesen wurden, wiederholt der Facharzt die Untersuchung, da die Erhöhung auch durch eine vorübergehende Erkrankung verursacht sein kann.

Allgemein ist bei der Prostatakrebsvorsorge sowohl die Bestimmung des PSA-Wertes als auch die rektale Untersuchung erforderlich. Wird lediglich eine dieser Untersuchungen durchgeführt, ist eine genaue Diagnosestellung unmöglich.

Was geschieht bei einem Verdacht auf Prostatakrebs?

Wenn der PSA-Wert auffällig hoch oder die rektale Untersuchung verdächtig ist oder beides zutrifft, muss der Facharzt zusätzlich ein MRT anfertigen. Diese Untersuchung ist als Hilfsmittel für die Diagnosestellung unerlässlich. Bei Personen, bei denen eine MRT-Untersuchung nicht durchgeführt werden kann (z. B. bei starkem Übergewicht oder wenn sie an Angst vor engen Räumen leiden), wird direkt eine Prostatabiopsie veranlasst. Wenn im MRT eventuelle Krebsknoten festgestellt werden, muss im Anschluss daran ebenfalls eine Biopsie erfolgen.

Bei einer Biopsie, die den Verdacht auf Krebs bestätigt, werden die Krebszellen beurteilt, um anhand eines Gradierungssystems (Gleason-Score) die Aggressivität des Tumors zu bestimmen. Die Behandlung fällt je nach Resultat unterschiedlich aus:

  • Stellt sich das Karzinom als klein und kaum aggressiv heraus, wird beim Patienten eine «aktive Beobachtung» durchgeführt.
  • Ist das Karzinom gross, werden dem Patienten eine chirurgische Entfernung und/oder eine Strahlentherapie vorgeschlagen.

Ist die rektale Untersuchung schmerzhaft?

Diese medizinische Untersuchung ist oftmals mit gewissen Befürchtungen verbunden. Hier kann Dr. Schwartz entwarnen: Es handelt sich um eine standardmässige «Routineuntersuchung, die nicht schmerzhaft ist». Eine Prostatabiopsie kann hingegen «ein bisschen unangenehmer» sein, fügt er hinzu. Die rektale Untersuchung folgt einem einfachen Ablauf: Nach der Einwilligung des Patienten und der Erläuterung der Gründe für die Untersuchung zieht sich der Arzt einen Handschuh an und führt seinen mit Gleitmittel bestrichenen Finger vorsichtig in den Anus ein, um die Prostata abzutasten.

Wie wird der PSA-Wert interpretiert?

PSA-Wert-Bestimmung: Was man wissen sollte

  • Der PSA-Wert nimmt mit steigendem Alter natürlicherweise zu.
  • Die Normwerte sind je nach Land und Labor unterschiedlich. So sind die geltenden Normwerte in den USA beispielsweise niedriger als in Europa.
  • In Europa beträgt der Normwert 4 ng/ml. Liegt er darüber, gilt der PSA-Wert als zu hoch.
  • Im Alter von 50–60 Jahren liegen die Normwerte zwischen 3,5 und 4,5 ng/ml.
  • Im Alter von 60–70 Jahren liegen die Normwerte zwischen 4,5 und 5,5 ng/ml.
  • Es wird empfohlen, die Blutentnahme zur Bestimmung des PSA-Wertes erst ca. eine Woche nach der rektalen Untersuchung durchzuführen, da diese den PSA-Wert erhöhen kann.
  • Achtung! Ein erhöhter PSA-Wert ist nicht zwangsläufig mit Prostatakrebs gleichzusetzen: Er kann ebenso durch eine Entzündung infolge von Geschlechtsverkehr, intensives Radfahren, einen Harnwegsinfekt, einen Keim, durch eine grosse Prostata oder die Einnahme bestimmter Medikamente erhöht sein.
  • In manchen Fällen kann bei Patienten ein Prostatakrebs festgestellt werden, obwohl der PSA-Wert niedrig ist.
  • Für eine genaue Diagnosestellung muss die PSA-Wert-Bestimmung in jedem Fall durch eine rektale Untersuchung ergänzt werden.

Bestimmung PSA-Wert und rektale Untersuchung: zwei unabhängige und einander ergänzende Untersuchungen

Dr. Schwartz erklärt, dass folgende Konstellationen möglich sind:

  • Ein erhöhter PSA-Wert und eine verdächtige rektale Untersuchung: Wenn die MRT-Ergebnisse das Vorliegen eines Prostatakarzinoms bestätigt haben, klärt sich die Diagnose und muss durch eine Prostatabiopsie vervollständigt werden. Zeigt das MRT-Bild keinerlei Auffälligkeiten, kann ein aggressives Karzinom mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Dann finden weiterhin die normalen Kontrolltermine statt.
  • Ein erhöhter PSA-Wert und ein unauffälliger Befund bei der rektalen Untersuchung: Dr. Schwartz betont, dass die rektale Untersuchung allein nicht ausreicht, um eine zuverlässige Diagnose zu stellen. Daher wird in diesen Fällen ein MRT durchgeführt, um ein eventuelles Prostatakarzinom festzustellen oder auszuschliessen. Es kommt nicht selten vor, dass die rektale Untersuchung unauffällig, der PSA-Wert erhöht und im MRT-Bild eventuell ein Karzinom sichtbar ist. «Dies ist sogar der häufigste Fall», unterstreicht Dr. Schwartz. «Diese Fälle bestätigen, dass der PSA-Wert das zuverlässigere Kriterium ist», fügt er hinzu.
  • Eine verdächtige rektale Untersuchung und ein normaler oder niedriger PSA-Wert: Im MRT kann sich der Verdacht auf ein Prostatakarzinom bestätigen. Diese Konstellation kommt seltener vor, ist jedoch möglich.

In allen Fällen kann ausschliesslich mit einer Prostatabiopsie bestätigt oder ausgeschlossen werden, ob ein Prostatakarzinom vorliegt. Es ist jedoch auch möglich, dass eine Biopsie negativ ist, obwohl ein deutlicher Verdacht auf Prostatakrebs besteht. In diesem Fall ordnet der Urologe eine zweite Biopsie an.

Prostatakrebs ist längst kein Tabuthema mehr

Die Zeiten, als Prostatakrebs in der männlichen Bevölkerung ein Tabuthema war, sind laut Dr. Schwartz eindeutig vorbei. Tatsächlich beobachtet er, dass sich Patienten, bei denen Prostatakrebs diagnostiziert wurde, der verschiedenen Behandlungsoptionen bzw. der Möglichkeit der aktiven Überwachung bewusst sind. Die betroffenen Männer sprechen heute sehr viel offener über ihre Erkrankung. Auch scheinen sie im Vergleich zu früher weniger Angst zu haben vor der Erkrankung im Allgemeinen und vor den angewendeten Vorsorgeuntersuchungen.

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