Immer mehr Paare sehen sich mit einem unerfüllten Kinderwunsch konfrontiert. In zwei von drei Fällen ist der Mann dafür zumindest mitverantwortlich: mit seiner herabgesetzten Fruchtbarkeit. Die gute Nachricht: Viele Ursachen lassen sich durch Abklärungen identifizieren und die Chance auf Nachwuchs sich so deutlich steigern. Und: Die Abklärungen sind einfach und wenig belastend, erklärt Dr. med. Markus Schönberger, Facharzt für Urologie in der Klinik Belair in Schaffhausen.

Wie viele Männer sind von Unfruchtbarkeit betroffen?

Dr. med. Markus Schönberger: Unfruchtbarkeit liegt laut Definition vor, wenn es bei einem Paar innerhalb eines Jahres bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr nicht zu einer Schwangerschaft kommt. Letztendlich ist Unfruchtbarkeit also eine Paardiagnose. Bezieht man den Begriff Unfruchtbarkeit nur auf den Mann, wird es schwieriger: Letztlich braucht es für eine erfolgreiche Befruchtung theoretisch nur ein Spermium. Solange sich im Ejakulat eines Mannes also noch mindestens ein lebendes Spermium findet, ist die Bezeichnung «unfruchtbar» eigentlich falsch.

Wie hoch ist also die Anzahl der tatsächlich unfruchtbaren Männer?

Dr. med. Markus Schönberger: Die Rate der Männer, bei denen sich keine Spermien im Ejakulat befinden, liegt bei gerade einmal einem Prozent. In allen übrigen Fällen ist die Fruchtbarkeit leicht bis massiv herabgesetzt. Das wiederum beeinflusst natürlich die Chancen, ein Kind zu zeugen. Eine herabgesetzte Fruchtbarkeit des Mannes kann aber durch eine gute Fruchtbarkeit der Frau häufig kompensiert werden und umgekehrt. Rund 15 Prozent aller Paare suchen Beratung aufgrund eines unerfüllten Kinderwunschs.

In wie vielen Fällen liegt der Grund für diesen unerfüllten Kinderwunsch beim Mann?

Dr. med. Markus Schönberger: Die Verteilung ist weitgehend ausgewogen und liegt gleichermassen häufig beim Mann, bei der Frau oder bei beiden Partnern.

Inwiefern haben sich diese Zahlen in den letzten Jahren verändert?

Dr. med. Markus Schönberger: Mehr und mehr Paare sehen sich mit einem unerfüllten Kinderwunsch konfrontiert. Einer der Hauptgründe dafür ist sicherlich, dass sich die Familienplanung heutzutage tendenziell nach hinten verschoben hat. Was viele nicht wissen: Männer sind zwar grundsätzlich bis ins hohe Alter zeugungsfähig, aber die Spermienqualität nimmt mit zunehmendem Alter ab. Es gibt darüber hinaus Studien, die belegen, dass die Zahl der Spermien im Samenerguss bei Männern in den USA und Europa über die letzten Jahrzehnte abgenommen hat. Was die Ursachen dafür sind und ob es in dem beobachteten Mass schon einen Einfluss auf die Fruchtbarkeit hat, ist unklar.

Wie lässt sich die Ursache für Kinderlosigkeit diagnostizieren?

Dr. med. Markus Schönberger: Während einer Erstkonsultation findet eine ausgiebige Befragung des Mannes und – falls die Partnerin ebenfalls anwesend ist – auch der Frau statt. Dabei geht es vorwiegend darum, mögliche Risikofaktoren zu identifizieren. Im Anschluss folgen eine eingehende körperliche Untersuchung sowie ein Ultraschall von Hoden und Nebenhoden. Eine Analyse verschiedener Hormone im Blut und ein Spermiogramm vervollständigen die Untersuchung. Wichtig zu wissen ist, dass die Untersuchung weder invasiv noch schmerzhaft ist. Es gibt also keinen Grund, sich vor einer solchen Erstkonsultation zu fürchten.

Kommt das häufig vor?

Dr. med. Markus Schönberger: Ich kann natürlich keine Aussage über jene Männer machen, die mich nicht konsultieren. Meiner Erfahrung nach suchen die meisten aber tatsächlich erst auf Anraten der Partnerin oder deren Gynäkologen einen Facharzt auf. Es scheint, dass Frauen in dieser Thematik sensibler sind und früher nach Rat suchen, während die Männer tendenziell etwas länger abwarten.

Wie gehen Männer psychisch mit diesem Thema um?

Dr. med. Markus Schönberger: Bei einem unerfüllten Kinderwunsch besteht häufig die Angst, dass eine ernsthafte Erkrankung die Ursache für die Zeugungsschwierigkeit sein könnte. Diese Befürchtung kann meist schon nach der ersten Konsultation ausgeräumt werden, was die meisten Männer als sehr erleichternd empfinden.

Was genau kann mittels eines Spermiogramms festgestellt werden?

Dr. med. Markus Schönberger: Damit kann unter anderem die Anzahl, Konzentration, Beweglichkeit, Form sowie die Vitalität der Spermien bestimmt werden. Bei Verdacht auf eine bakterielle Infektion wie beispielsweise Chlamydien können noch weitere Werte bestimmt werden. Letztlich ist ein unerfüllter Kinderwunsch jedoch meistens ein Paarproblem.

Inwiefern?

Dr. med. Markus Schönberger: Weil es letztlich immer um die Konstellation beider Partner geht. Ist lediglich die Fruchtbarkeit einer der beiden Personen eingeschränkt, sind die Chancen höher, dass doch noch eine erfolgreiche Befruchtung stattfindet. Anders sieht es aus, wenn beide Personen bestimmte Einschränkungen mitbringen. Dann wird es in der Tat schwieriger.

Was ist der häufigste Grund, warum es mit dem Kindersegen nicht klappt?

Dr. med. Markus Schönberger: In rund einem Drittel der Fälle findet sich keine Ursache. In allen anderen gibt es einen ganzen Katalog möglicher Auslöser. Der häufigste Befund bei Männern mit einem unerfüllten Kinderwunsch ist jedoch die Varikozele.

Was ist eine Varikozele?

Dr. med. Markus Schönberger: Darunter versteht man die Bildung von Krampfadern entlang des Samenstrangs und des Nebenhodens. Dadurch können die Temperatur und der Druck im Hoden zunehmen, was wiederum die Spermienqualität mindern kann. In 90 Prozent der Fälle treten Varikozelen links auf. Bei rund 15 Prozent aller Männer spielt diese Diagnose eine Rolle bei einem unerfüllten Kinderwunsch.

Gibt es weitere häufig auftretende Ursachen?

Dr. med. Markus Schönberger: In rund zehn Prozent der Fälle sind hormonelle Störungen der Auslöser für die ungewollte Kinderlosigkeit. Aber auch Geschwulste beziehungsweise Tumore sowie angeborene Erkrankungen können einen beträchtlichen Einfluss auf die Zeugungsfähigkeit eines Mannes haben. Regelmässig sind auch Vorkommnisse in der Vergangenheit Ursprung der Problematik. So etwa ein Hodenhochstand im frühen Kindesalter, Hodentorsionen oder Hoden-Infektionen. Auch kommt es zum Beispiel bei Jungs, die an Mumps erkranken, häufig zu einer Hoden- und Nebenhodenentzündung, die später zu Unfruchtbarkeit führen kann. Vielfach ist die Ursache jedoch nicht monokausal, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Kann die Spermienqualität verbessert werden?

Dr. med. Markus Schönberger: Das kommt natürlich auf die Ursache an. Bei einer Varikozele können die erkrankten Venen im Samenstrang operativ entfernt oder verödet werden. Grundsätzlich hängt die Behandlungsform vom Schweregrad der Krampfadern ab. In der Regel handelt es sich dabei jedoch um einen einfachen und risikoarmen Eingriff, durch den sich das Spermiogramm meist deutlich verbessern lässt. Bei Problemen mit dem Hormonhaushalt lässt sich dieser durch geeignete Präparate häufig wieder normalisieren.

In welchen Fällen ist eine Behandlung schwierig?

Dr. med. Markus Schönberger: Insbesondere dann, wenn sich keine klare Ursache finden lässt, ist eine Behandlung entsprechend schwierig. Aber auch bei genetischen Störungen sowie bei toxischen Vorbehandlungen wie zum Beispiel einer Chemotherapie oder Bestrahlung, sind die Therapiemöglichkeiten derzeit noch sehr beschränkt.

Lässt sich die Fruchtbarkeit präventiv beeinflussen?

Dr. med. Markus Schönberger: Auch dazu gibt es wenige verlässliche Zahlen. Sicherlich gilt aber auch hier, dass ein gesunder Lebensstil, sprich eine ausgewogene Ernährung, ein normales Körpergewicht und sportliche Aktivität, dienlich ist. Ebenso haben Rauchen und Alkoholkonsum einen negativen Einfluss auf die Spermienqualität. Darüber hinaus können Umstände, welche die Hodentemperatur regelmässig erhöhen (Sauna, eng anliegende Unterwäsche, Sitzheizung) einen ungünstigen Einfluss auf die Spermienqualität nehmen. Eine unklare Rolle spielen Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine und Antioxidantien. Ob sie die Zeugungsfähigkeit verbessern, ist bisher nicht belegt.

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