Obschon das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) die häufigste hormonelle Störung bei Frauen im reproduktiven Alter darstellt, bleibt es oft unerkannt. Unregelmässige oder gar keine Zyklen, «männliche» Körperbehaarung und starke Akne können einen Hinweis auf die erhöhte Konzentration männlicher Hormone im weiblichen Körper geben. Vielfach wird PCOS aber erst dann diagnostiziert, wenn der Kinderwunsch über einen längeren Zeitraum unerfüllt bleibt, wie Dr. med. Sabine Steimann, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe im KinderwunschZentrum der Klinik St. Anna in Luzern, im Interview erklärt.

Was versteht man unter einem Polyzystischen Ovarialsyndrom?

Dr. med. Sabine Steimann: Beim PCO-Syndrom handelt es sich um eine hormonelle Störung. Zum einen besteht eine erhöhte Konzentration von männlichen Hormonen (Androgene) und zum anderen eine Insulinresistenz. Diese Hormone sind für die vielfältigen Symptome und die unterschiedlichen Ausprägungen des PCO-Syndroms verantwortlich.

Unter welchen Leitsymptomen leiden PCOS-Betroffene?

Dr. med. Sabine Steimann: Die Symptome sind individuell und in den verschieden Lebensabschnitten unterschiedlich. Generell lässt sich jedoch sagen, dass rund die Hälfte der betroffenen Frauen unregelmässige oder gar keine Zyklen haben. Zusätzlich kommt es vermehrt zu «männlicher» Körperbehaarung. Also etwa im Gesicht oder an Bauch und Rücken. Auch die Schambehaarung kann übermässig stark ausgeprägt sein und sich teils bis auf die Beine ausweiten. Regelmässig haben Betroffene auch mit Akne zu kämpfen.

Im Ultraschall findet sich häufig das typische Bild der PCO-Ovarien, d.h. ein vergrösserter Eierstock mit einer erhöhten Anzahl an Eibläschen. Es handelt sich hierbei nicht um Zysten, wie der Name Polyzystisches Ovarialsyndrom fälschlicherweise suggeriert.

Gibt es weitere Symptome bei PCOS?

Dr. med. Sabine Steimann: Viele Frauen leiden unter einem deutlichen Übergewicht und haben damit auch ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Ein wichtiger Punkt sind auch die psychologischen Auswirkungen wie Depression und Ängstlichkeit.

Wie viele Frauen sind vom PCO-Syndrom betroffen?

Dr. med. Sabine Steimann: Das PCO-Syndrom ist die häufigste hormonelle Störung bei Frauen im reproduktiven Alter. Etwa eine von sieben Frauen ist betroffen. Bei bis zu 70 Prozent der Betroffenen bleibt die Diagnose jedoch unerkannt.

Weshalb ist das so?

Dr. med. Sabine Steimann: Die Diagnosestellung ist aufgrund der individuell sehr unterschiedlich ausgeprägten Leitsymptome und der zusätzlichen sehr vielfältigen Beschwerden sehr schwierig.

Die Europäische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (ESHRE) hat in den letzten Jahren intensiv an einer Richtlinie gearbeitet, um auch die Diagnosestellung und Behandlung für die Ärzte zu «vereinfachen» und die Ärzte für diese Erkrankung zu sensibilisieren.

Was ist die Ursache für ein Polyzystisches Ovar-Syndrom?

Dr. med. Sabine Steimann: Die Gründe für ein PCO-Syndrom sind nicht vollständig geklärt. Zum einen vermutet man genetische Faktoren, zum anderen einen hormonellen Einfluss im Mutterleib.

Inwiefern?

Dr. med. Sabine Steimann: Die Hälfte der betroffenen Frauen haben eine Mutter, Schwester oder Tante, die ebenfalls das PCO-Syndrom aufweist. Zudem spricht die Tatsache für ein gehäuftes Vorkommen des PCO-Syndroms bei bestimmten ethnischen Gruppen für eine genetische Komponente. Im Übrigen spielen aber auch Lifestyle-Faktoren eine wichtige Rolle.

Beispielsweise die Ernährung?

Dr. med. Sabine Steimann: Ja, absolut. Und ob die Betroffene regelmässig sportlich aktiv ist. Beim Polyzystischen Ovarialsyndrom sind das Insulin und die männlichen Hormone im Ungleichgewicht und so für die Symptome des PCO-Syndroms verantwortlich. Adipositas verstärkt die hormonellen Veränderungen und damit auch die Symptome.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem PCO-Syndrom und Unfruchtbarkeit?

Dr. med. Sabine Steimann: Tatsächlich hat ein grosser Anteil der Frauen mit PCOS Probleme, schwanger zu werden. Zudem können vermehrt Schwangerschaftskomplikationen wie Fehlgeburten oder aufgrund der Insulinresistenz ein Schwangerschaftsdiabetes oder ein erhöhter Blutdruck auftreten.

Wie lässt sich das Polyzystische Ovarialsyndrom diagnostizieren?

Dr. med. Sabine Steimann: In einem Gespräch werden Krankengeschichte und Symptome mit der Patientin besprochen. Anschliessend erfolgen eine körperliche sowie eine Ultraschalluntersuchung, in der man die für das PCOS-Syndrom typischen Veränderungen der Eierstöcke sieht (welche jedoch nicht alle betroffenen Patienten haben). Es werden zudem hormonelle Abklärungen gemacht, um so PCOS festzustellen.

Ist das Polyzystische Ovarialsyndrom heilbar?

Dr. med. Sabine Steimann: Die Veranlagung für ein PCOS ist an sich nicht heilbar, jedoch lassen sich die Symptome und Folgen sehr gut behandeln.

Wie?

Dr. med. Sabine Steimann: Das hängt natürlich ganz von der Lebenssituation und der Symptomatik ab. Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, ein normales Körpergewicht zu erreichen. Bei Übergewicht empfehlen wir einen Gewichtsverlust von fünf bis zehn Prozent des aktuellen Körpergewichtes. Ist eine Frau sehr stark übergewichtig, hat also einen Body-Mass-Index über 35, kann auch eine bariatrische Operation vor einer geplanten Schwangerschaft eine Option sein. Eine medikamentöse Therapie hängt im Wesentlichen davon ab, ob ein Kinderwunsch besteht oder nicht.

Was wird getan, wenn keiner besteht?

Dr. med. Sabine Steimann: Die Zyklusunregelmässigkeit, die vermehrte Behaarung und Akne können mit der Einnahme der Antibabypille normalisiert werden, falls die Patientin dies wünscht.

Und was, wenn eine Frau einen Kinderwunsch hat?

Dr. med. Sabine Steimann: Eine Möglichkeit ist die Gabe von Letrozol, Clomifenzitrat (unterstützen die Eibläschenreifung) oder Metformin (senkt den Blutzuckerspiegel). Diese drei Medikamente werden in der Schweiz als sogenannte Off-Label-Anwendung angeboten, d.h. ausserhalb der von der Gesundheitsmittelbehörde vorgesehenen Anwendung. Eine weitere Möglichkeit ist eine Spritzenbehandlung mit einem follikelstimulierendem Hormon (FSH), die wiederum die Follikelbildung unterstützt.

Gibt es Präventionsmöglichkeiten?

Dr. med. Sabine Steimann: Jein. Die genetische Disposition ist an sich nicht veränderbar. Die Symptome lassen sich jedoch bei übergewichtigen Frauen durch einen gesunden Lifestyle – sprich normales Körpergewicht, gesunde Ernährung und regelmässigen Sport – positiv beeinflussen beziehungsweise eindämmen.

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