Tumore im Bereich von Gesicht, Kopf, Hals oder Nase sind die sechsthäufigste bösartige Krebserkrankung. Die operative Entfernung des Tumors, allenfalls begleitet von Chemo- und Strahlentherapie ist das eine. Doch wie geht es danach weiter für die Patienten? So haben diese nach einer Tumorentfernung in der Mundhöhle oft einen Weichteildefekt, es fehlen Zähne und Teile des Kieferknochens. Schlucken, Essen, Lachen – ein normales Leben scheint unmöglich. PD Dr. Dr. med. Dennis Rohner vom Cranio Facialen Centrum (CFC) Hirslanden in Aarau ist Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Er erklärt uns, wie Patienten mit Mundhöhlenkrebs geholfen werden kann, damit sie nach der Operation wieder Lebensqualität erhalten..

Was ist die Problematik bei der Behandlung von Mundhöhlenkrebs?

PD Dr. Dr. med. Dennis Rohner: In der Mundhöhle laufen auf engstem Raum verschiedene Funktionen zusammen: Reden, Schlucken, Kauen. Aber auch die Ästhetik: Man sieht gerne schöne Zähne oder ein anmutiges Lächeln. Bei einem bösartigen Krebs im Mund müssen wir verschiedene Gewebestrukturen entfernen, die sehr nahe beieinander liegen. So gehen diese Funktionen zum Teil verloren. Ziel der Behandlung von Mundhöhlenkrebs soll sein, dass der Patient nicht nur tumorfrei wird, sondern dass wir diese Funktionen möglichst wiederherstellen können.

Weshalb braucht es bei Mundhöhlenkrebs ein interdisziplinäres Kopfzentrum für Kiefer-, Gesichts- und Munderkrankungen, wie das CFC Hirslanden in Aarau?

PD Dr. Dr. med. Dennis Rohner: Das interdisziplinäre Team arbeitet sehr eng zusammen und übernimmt von Anfang an die gesamte Planung – mit dem Ziel, den Patienten umfassend zu behandeln, so dass er am Schluss wieder alle diese Funktionen hat. Wir bestimmen also am Anfang das Resultat: Wo sollen die Zähne stehen, was passiert mit der Zunge, was mit den Knochen? Anhand dessen führen wir die ganze Planung durch. Natürlich ist die erste Priorität, dass der Patient nach der Behandlung tumorfrei ist. Aber er soll auch wieder eine gute Funktion, Ästhetik und Lebensqualität haben. Ohne eine vollumfängliche Planung ist das praktisch unmöglich. Genau dafür ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Spezialisten bei Mundhöhlenkrebs unabdingbar.

Planungsmodell Behandlung Mundhöhlenkrebs

links: Unterkieferdefekt nach Tumorentfernung mit fehlendem Knochen und Zähnen;
rechts: Wiederherstellung des Unterkiefers mit Wadenknochen, Implantaten und Zähnen. Nur auf Basis einer solchen virtuellen Planung kann die Operation erfolgreich durchgeführt werden.

Wie verbreitet ist eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Behandlung von Mundhöhlenkrebs?

PD Dr. Dr. med. Dennis Rohner: Wir sind leider eher eine Ausnahme. Weltweit gesehen sind die einzelnen Disziplinen oft voneinander getrennt und die unterschiedlichen Spezialisten sprechen sich wenig ab. Das heisst, es gibt den Tumorchirurgen, welcher nur den Tumor entfernt. Als nächstes kommt der plastische Chirurg, der aber nicht genau weiss, was zuvor gemacht wurde. Er schaut, welcher Defekt vorliegt, und füllt diesen mit einem Gewebestück des Körpers vom Patienten auf. Danach geht der Patient zu einem Implantologen, der ihm Implantate einsetzen soll, damit schlussendlich der Zahnarzt künstliche Zähne befestigen kann. Vielleicht kann er diese aber gar nicht einsetzen. Wenn das Ganze nicht optimal geplant ist, kann es sein, dass der wiederhergestellte Knochen und das Weichgewebe schlichtweg am falschen Ort sind. Folge ist, dass der Patient nicht funktionell rekonstruiert werden kann und zum Beispiel keine Zähne mehr kriegt, weil nichts aufeinander passt.

Das ist aus unserer Sicht keine umfassende Behandlung. Der Patient ist danach zwar tumorfrei, aber hat danach deutlich eingeschränkte Funktionen. Unser Ziel ist anders: Wir wollen den Patienten tumorfrei haben, aber er soll auch eine möglichst hohe Lebensqualität erhalten. Die Behandlung von Mundhöhlenkrebs ist sowieso schon ein schweres Schicksal. Wird der Patient bestrahlt, beeinträchtigt dies zusätzlich die Schluckfunktion. Der Patient muss vieles durchmachen, wir unterstützen ihn, wo es nur geht. Dazu gehören eben auch die Zähne und das Aussehen.

Wie läuft eine solche Behandlung im CFC Hirslanden Kopfzentrum ab?

PD Dr. Dr. med. Dennis Rohner mit Patientin am Ausmessen

Für die optimale Behandlung von Mundhöhlenkrebs braucht es eine umfassende Planung.

PD Dr. Dr. med. Dennis Rohner: Die verschiedenen Fachspezialisten führen in Teams die verschiedenen Operationsschritte durch. So entfernt zum Beispiel ein Team den Tumor, während das andere Team Gewebe entnimmt, um danach den Defekt zu rekonstruieren. Manchmal geschieht dies auch gestaffelt in mehreren Operationen, weil erst das Ersatzgewebe gezüchtet werden muss.

So entfernen wir zum Beispiel in einer ersten Operation den Tumor. Danach folgt vielleicht eine Nachbehandlung wie Bestrahlung oder Chemotherapie. In einer zweiten Operation werden dann die fehlenden Gebestrukturen gezüchtet, zum Beispiel das Zahnfleisch oder Implantate am Wadenbein. In einer dritten Operation wird der Defekt, der durch die Tumoroperation entstanden ist, mit dem gezüchteten Gewebe wieder aufgefüllt.

Sie nehmen an internationalen Kongress zum Thema Mundhöhlenkrebs teil, wie zum Beispiel in Indien. Wozu dienen solche Kongresse?

PD Dr. Dr. med. Dennis Rohner: An solchen internationalen Kongressen diskutieren Fachleute aus aller Welt über die neuesten Technologien und Medikamente, aber auch über die länderspezifischen Probleme. So kämpft Indien mit ganz anderen Herausforderungen als wir im „Paradies“ Schweiz. Leider ist es so, dass es in den letzten Jahren keine grossen Fortschritte in der Behandlung von fortgeschrittenem Mundhöhlenkrebs gegeben hat mit Bezug auf das Langzeitüberleben. Das heisst für uns klar, dass man auf die Früherkennung setzen muss. Behandelt man einen Mundhöhlenkrebs frühzeitig, liegt die Überlebenschance des Patienten über 90%, während bei fortgeschrittenem Mundhöhlenkrebs die Langzeit-Überlebenschance unter 50% liegt. Deshalb ist der Austausch von Fachwissen im Sinne der Früherkennung enorm wichtig, vor allem für die Entwicklungsländer.

Wie funktioniert die Früherkennung bei Krebs in der Mundhöhle?

PD Dr. Dr. med. Dennis Rohner: In der Schweiz haben wir ein sehr gutes System für die Früherkennung von Mundhöhlenkrebs: Die Leute gehen regelmässig zum Zahnarzt oder in die dentalhygienische Kontrolle. Unsere Zahnärzte sind gut ausgebildet, sodass sie Mundschleimhautveränderungen erkennen und bei Bedarf die Patienten frühzeitig für weitere Abklärungen zu Spezialisten wie uns schicken. Das Hauptmerk der Früherkennung sind also diese regelmässigen Kontrollen. Dies funktioniert in der Schweiz und auch generell in Europa ziemlich gut. Weltweit gesehen sieht es leider anders aus.

Mal ganz abgesehen von der Überlebenschance ist es ein grosser Vorteil, wenn man einen Tumor im Anfangsstadium operieren kann: Man muss weniger Gewebe entfernen und entsprechend weniger Strukturen ersetzen. Die Funktion und die Ästhetik sind danach deutlich besser, die Nachbehandlung ist weniger aufwändig.

Wenn man die Patienten weltweit dazu bewegen kann, dass sie sich regelmässig von einem Arzt die Mundhöhle kontrollieren lassen, kann man sehr viel gewinnen und die Krebsbehandlung auf ein deutlich besseres Niveau bringen.

Herzlichen Dank für das spannende Interview!

 

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