Kurz vor 8 Uhr in der Früh. Ich werde mit Operationskleidung ausgestattet und betreffend Händedesinfektion instruiert. Gleich darf ich in den OP der Hirslanden Klinik Aarau und bei einer Operation zusehen: Prostataentfernung wegen eines Tumors mit dem Da-Vinci-Roboter. Nachdem ich schon viel von dieser Robotertechnologie gehört habe, bin ich gespannt, diese nun live im Einsatz zu sehen.

Ich betrete den OP. Der eigentlich grosse Saal wirkt fast klein, weil so viele Menschen, Apparaturen und Instrumentarien drin sind. Ich suche mir einen Platz, wo ich nicht im Weg stehe, und muss dabei aufpassen, nichts zu berühren. «Alles Blaue ist steril und darfst du unter keinen Umständen berühren, sonst müssen wir alles von neuem herrichten», klärt mich eine OP-Pflegerin auf. Der Patient liegt schon in Narkose abgedeckt auf dem Tisch. Der Da-Vinci-Roboter und die dazugehörige Konsole nehmen ordentlich Platz ein.

Das Team besteht aus acht Personen: Die zwei Urologen Dr. med. Martin Christian Schumacher und Dr. med. Werner Hochreiter, Anästhesieärzte sowie die Teams der Anästhesie und Operationspflege. Während das Anästhesie- und OP-Team emsig bei den Vorbereitungen ist, erklärt mir Dr. Schumacher einiges zum Eingriff. «Eine Prostataentfernung dauert je nach Patient zwei bis vier Stunden. Das OP-Team ist speziell geschult auf solche Robotereingriffe. Wir sind zwei Urologen: Einer steuert den Roboter von der Konsole aus, der andere ist beim Patient am OP-Tisch».

Arzt operiert an einer Konsole

Bevor es losgeht, erfolgt das «Team Time-out»: Im Sinne der sogenannten «Safe Surgery» werden vor dem ersten Schnitt nochmals alle wichtigen Infos abgefragt. Der Bauch des Patienten sieht riesig aus – er ist mit Gas aufgepumpt. Daneben steht der Da-Vinci-Roboter. Die beiden Ärzte setzen nun die Zugänge für die vier beweglichen Arme des Da-Vinci-Roboters. Einer ist für die Kamera, die anderen für verschiedene Instrumente mit Scheren und Pinzetten. Alle vier werden nun über die kleinen Schnitte in die Bauchhöhle des Patienten eingeführt. Der Roboter ist angeschlossen. Das Saallicht wird gelöscht.

Dr. Schumacher setzt sich an die Konsole ein paar Meter neben dem OP-Tisch und zieht die Schuhe aus. «So kann ich sensibler die Pedale der Konsole bedienen», erklärt er mir. Mit den Fusspedalen und den zwei Handgriffen, die wie Joysticks einer Spielkonsole aussehen, steuert er die Arme des Roboters und die Kamera und Instrumente daran. Seine Bewegungen an Handgriffen und Pedalen werden auf die Instrumente im Bauchraum übertragen. Sein Kopf versinkt halb im oberen Teil der Konsole: Im Gegensatz zu einem normalen Bildschirmbild hat der Operateur hier ein dreidimensionales Bild, das bis zu 10-fach vergrössert ist. «Zudem kann ich das Bewegungsverhältnis einstellen, zum Beispiel 1:5. Das heisst, wenn ich mich selber 5 mm bewege, bewegen sich die Instrumente nur 1 mm. So kann ich natürlich extrem genau arbeiten. Weiter unterdrückt der Da-Vinci ein allfälliges Zittern des Operateurs.» «So können wir auch noch mit 90 Jahren operieren», wirft Dr. Hochreiter scherzend ein, der inzwischen neben dem Patienten Platz genommen hat. Er ist für Handlungen direkt am Patienten zuständig, zum Beispiel für das Wechseln der Instrumente. Sein Blick ist die meiste Zeit auf den Bildschirm neben dem OP-Tisch gerichtet, der das Bild der Kamera in der Bauchhöhle zeigt. Auf diesem Bildschirm kann auch ich mitverfolgen, was im Bauch des Patienten passiert.

Auf dem Weg zur Prostata

Es geht los. Oder doch noch nicht: Die Sicht im Bauch ist getrübt, weil die Kamera beschlagen ist. Jener Roboterarm muss also nochmals aus der Bauchhöhle und Dr. Hochreiter und das OP-Personal reinigen die Kamera. Bis dies soweit ist, erklärt mir Dr. Schumacher, wie wichtig bei solchen Operationen eine eingespielte Kommunikation zwischen den beiden Ärzten ist. «Dr. Hochreiter und ich verstehen uns fast ohne Worte. Ich schätze es sehr, dass hier die Konsole ebenfalls im Operationssaal ist. Oft ist der operierende Arzt gar nicht im gleichen Raum. So können wir direkt kommunizieren und bei komplizierten Eingriffen bin ich bei Bedarf schnell direkt am Patienten.»

Die Sicht ist nun klar. Es geht los mit der «Vorarbeit» zur Prostataentfernung, die einen wesentlichen Teil der Operation ausmacht. Vorher muss nämlich der Weg zur Prostata überhaupt erst «frei gemacht» werden. Mit Pinzette und Schere arbeitet sich Dr. Schumacher langsam vor. Dabei kann er mittels Strom über die Instrumente direkt von der Konsole aus Gefässe veröden, um Blutungen zu verhindern. Dr. Hochreiter erklärt mir, was geschieht: Die Samenblase wird abgelöst und der Samenleiter wird durchtrennt. Ich verfolge dies am Bildschirm oder versuche es zumindest, denn als Laie ist für mich nur schwer zu erkennen, was was ist. «Das, das aussieht wie ein Rüebli, ist die Samenblase», hilft mir Dr. Hochreiter. Alles klar;-)

Es geht weiter: Dr. Schumacher löst die Blase von der Bauchwand und macht den Weg frei zur Prostata. Zwischendurch bittet er seinen Kollegen, den Darm kurz festzuhalten. «Im Becken ist es sehr eng. Da ist ein solcher Roboter schon eine grosse Hilfe, weil ich damit sehr genau arbeiten kann. Ziel ist, möglichst keine Gefässe zu verletzen und die Nerven zu schonen, um die Potenz und Kontinenz zu erhalten.»

Die Prostata wird nun vom Fettgewebe befreit. Je nach körperlicher Konstitution des Patienten ist dies mehr oder weniger aufwendig, erfahre ich. Ebenso ist die Sicht bei einem grossen Fettanteil wesentlich schlechter. Zu viele Kilos auf den Rippen können das Operationsrisiko also erhöhen. Um 9 Uhr befinden sich die Instrumente zwischen Prostata und Blase. Auch hier ist ein ganz genaues Arbeiten essentiell: «Ich darf nicht zu nah an die Prostata ran, damit ich keine Tumorzellen im Patienten zurücklasse. Ebenso will ich aber auch die Blasenwand nicht beschädigen. So arbeitet sich Dr. Schumacher Millimeter um Millimeter vor. Zwischendurch müssen Dr. Hochreiter und das OP-Team eine Zange am Roboter auswechseln und die Kamera erneut reinigen.

So vorsichtig wie mit einem rohen Ei

Ich erfahre, dass es um die Prostata herum ganz viele Nervenbahnen hat. Diese werden beim Abtrennen der Prostata vorsichtig auf die Seite geschoben. «Wir gehen hier so vorsichtig vor wie mit einem rohen Ei», erklärt mir Dr. Hochreiter. «Früher war das anders: Da lag der Fokus vorwiegend darauf, dass es wenig blutet, und den Nerven wurde weniger Beachtung geschenkt. Eine Prostataentfernung war meist gleichzusetzen mit einer folgenden Impotenz. Manchmal wachse der Tumor aber auch in die Nervenbahnen hinein. «Hier muss man genau abwägen, wie stark man die Nerven schonen kann, und den Patienten darüber aufklären.»

Dieser Patient hat zudem eine Prostataentzündung. Dies mache das Ganze schwieriger, weil alles mehr zusammenklebe. Es folgt eine heikle Phase. Es wird ganz ruhig im Saal und ich spüre die hohe Konzentration des Teams förmlich in der Luft.

Doch bald ist es soweit: Die Prostata wird abgesetzt. Dr. Hochreiter warnt mich vor, dass dies nun am Bildschirm etwas blutiger werden kann. Ich finde es so spannend, dass mich das zum Glück nicht stört. Die abgetrennte Prostata wird noch im Körper des Patienten in ein Plastikbeutelchen verpackt. Danach näht Dr. Schumacher via Konsole die Harnröhre wieder mit der Blase zusammen. «Auch das Nähen geht mit dem Roboter schnell und effektiv», schwärmt er vom Da-Vinci. Nach über zwei Stunden verlässt das Plastikbeutelchen mit der entfernten Prostata den Patienten durch den Kamerazugang. Anschliessend werden die Instrumentenarme entfernt und die Zugänge alle genäht.

Erfahrung des operierenden Arztes zählt

Zum Schluss möchte ich von Dr. Schumacher wissen, ob es auch Nachteile beim Operieren mit dem Da-Vinci-Roboter gibt: «Der Tastsinn fehlt, wenn ich an der Konsole arbeite. So sehe ich zum Beispiel, dass ich mit den Instrumenten auf einen Knochen komme, spüre aber keinen Widerstand. Das ist kein Nachteil, aber ein massgeblicher Unterschied zum direkten Operieren und muss gelernt werden. Deshalb ist unabhängig von der modernsten Technik die Erfahrung des operierenden Arztes entscheidend. Schlussendlich führt der Roboter auch nur die Bewegungen des Operateurs aus. Ein exzellenter Operateur, der sich seit Jahren die Methode ohne Roboter gewohnt ist, kann schlussendlich gleich gute Resultate erreichen wie ein anderer mit Roboter. Es zählt das Können und die spezifische Erfahrung, wie bei allen Operationstechniken. Ich selbst möchte auf diese Technologie jedoch nicht mehr verzichten.»

Ich bedanke mich herzlich bei allen Beteiligten für diesen spannenden Einblick direkt im Operationsaal!

Kostenübernahme:

Die Kostenübernahme durch die Versicherung für die Behandlung mit dem Da-Vinci-Roboter variiert je nach individueller Versicherungssituation. Wir empfehlen die Rücksprache mit Ihrem Arzt und der Versicherung.