Diese Frage wurde mir als Hebamme wohl schon unzählige Male gestellt. Nur, lässt sie sich denn in einem Satz beantworten? Wohl kaum. Nachfolgend versuche ich, eine ehrliche Antwort zu finden und mein ganz persönliches Geburtserlebnis zusammenzufassen.

Ja, wie ist es denn? Es ist genauso intensiv, ein Erlebnis und emotionales Geschehen, das mich, wie alle anderen Frauen auch, an meine Grenzen geführt hat. Aber trotzdem genauso individuell und einzigartig wie alle Geburten, was es schwer macht, sie untereinander zu vergleichen.

Es geht los.

Mein Bauch wird immer grösser, es ist an der Zeit, dass sich der kleine Bewohner darin auf seine Reise nach draussen begibt. Schwangere durch die Geburt zu begleiten, wird für mich als hochschwangere Hebamme langsam etwas unbequem.

Gleichzeitig mit den ersten Schneeflocken macht sich die bevorstehende Geburt langsam bemerkbar. Es zieht und zwickt in meinem Bauch, zuerst sanft, dann immer intensiver. Mit ruhiger Atmung versuche ich, damit klarzukommen. Ob das wohl schon muttermundwirksame Wehen sind? Mist, die werden immer stärker und häufiger und mein Mann ist noch nicht zu Hause. Ich versuche, mich mit Abendessen Kochen abzulenken.

Der Versuch eines Selbstuntersuches scheitert kläglich.

Als mein Mann endlich eintrifft, versuche ich, die Situation etwas runter zu spielen und mir noch nicht viel anmerken zu lassen. Mein Problem ist, dass ich nicht richtig einschätzen kann, ob ich schon in der Eröffnungsphase bin oder nicht. Ich möchte keineswegs zu früh in die Klinik eintreten, um mich nicht vor meinen Hebammenkolleginnen zu blamieren :) Mein Versuch, mich selber zu untersuchen, um die Öffnung des Muttermundes abzuschätzen, scheitert kläglich.

Inzwischen rollen die Wehen gnadenlos im 3-Minutentakt über mich her, was nun auch meinem Mann nicht verborgen bleibt. Er spielt Hebamme und motiviert mich, in die Badewanne zusteigen, damit ich mich im warmen Wasser besser entspannen kann. Von wegen, das ist gar nichts für mich und nach drei Kontraktionen springe ich raus. Bewegung hilft mir persönlich besser, mit den Wehen klarzukommen. Ich tigere durchs Haus und schaue dem inzwischen immer stärker werdenden Schneetreiben zu. Unterdessen ruft mein Mann in der Klinik an und meldet dort, dass ich wohl heute Nacht im Sinn habe, ihn zum Vater zu machen.

«Himmel, das ist ja total schwierig!»

Um Mitternacht bahnen wir uns den Weg durch die schneebedeckten Strassen. Dass Kontraktionen im Auto nicht toll sind, begreife inzwischen auch ich. Endlich sind wir angekommen und ich bibbere vor dem Untersuch, mit unterschwelliger Angst, infolge fehlender Eröffnung wieder nach Hause geschickt zu werden. Ist es überhaupt möglich, dass die Wehen noch intensiver werden können? Ich zweifle stark daran. Wehen bei anderen Frauen zu beobachten oder am eigenen Körper zu erfahren, sind zwei verschiedene Paar Schuhe, stelle ich ermattet fest.

Entwarnung: 3 bis 4 cm offen. Toll, immerhin. CTG, Blutentnahme, das Übliche folgt. Da ich von den immer wiederkehrenden Wellen überrollt werde, brauche ich meine ganze Konzentration, um durchzuhalten. Da bleibt keine Zeit, um mir fachliche Gedanken über meine Geburt zu machen. Zum Glück bin ich in kompetenten Händen, werde von einer wunderbaren Hebamme und Ärztin betreut und brauche mich nicht um CTG-Beurteilung und Befunde zu kümmern. Ich lasse mich gehen und versuche, all das anzuwenden, was ich im Alltag predige: Atmen, Entspannen, Lockerlassen … Himmel, das ist ja total schwierig!

«Willst du eine PDA?», werde ich gefragt (bin wohl inzwischen sehr laut geworden). «Nein, will ich nicht, ich schaffe das!» Ich stehe am Fenster und atme. Bitte nicht anfassen, ich kann es im Moment gerade nicht ertragen, da nützt auch das eingepackte Massageöl nichts. Mir dämmert, dass sich Dinge, die ich normalerweise mag, unter der Geburt verändern können.

Zum Glück geht alles reibungslos und rasend schnell. Der Blasensprung folgt und schon bald beginnen die Presswehen (die habe ich mir auch angenehmer vorgestellt). Um 4 Uhr 20 ist der kleine Prinz da und schaut mich mit grossen Augen an. Wir haben es geschafft, ein wunderbares und gesundes kleines Wesen wurde uns geschenkt. Wir sind überglücklich.

Eine faszinierende Erfahrung reicher

Ob das vorhandene geburtshilfliche Wissen und die jahrelange Erfahrung einer Hebamme bei der Geburtsbegleitung, bei der eigenen Geburt ein Vor- oder Nachteil ist, kann ich nicht klar beantworten. Mir ist bewusst, dass ich das Glück hatte, eine unkomplizierte Geburt erleben zu dürfen und bin sehr dankbar dafür. Ich war offen und positiv eingestellt, die Situation neutral anzugehen und die Geburt so zu nehmen, wie sie kommt.

Was bleibt, ist die Erfahrung, eine Geburt am eigenen Körper erlebt zu haben. Die Faszination, schwanger zu sein, Wehen zu erleben, Milcheinschuss zu haben, Babyblues zu erfahren und die Tiefen und Höhen von Hormonschwankungen zu spüren usw.

Ich habe nicht alle potentiell möglichen Situationen in der Geburtshilfe selber erlebt, nur einen kleinen möglichen individuellen Ausschnitt davon. Jede Schwangerschaft, Geburt und jedes Wochenbett wird individuell erlebt und verläuft vielfältig. Aber: Meine eigene Erfahrung lässt mich vieles verstehen.

PS: Der kleine Prinz ist inzwischen dem Baby- und Windelalter entwachsen und berät mich bereits in IT-Belangen. So schnell geht das.

 

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