Wenn man regelmässig sportlich aktiv ist, bleiben Verletzungen am Bewegungsapparat leider nicht aus. Ein häufig verletztes Gelenk ist und bleibt das Knie. Interview mit Dr. med. Kai-Uwe Lorenz, FMH Orthopädie und Traumatologie, Hirslanden Klinik Belair.

Dr. med. Kai-Uwe Lorenz, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, ist seit 5 Jahren in Schaffhausen in der ZENIT-Praxis niedergelassen und als Belegarzt in der Hirslanden Klinik Belair akkreditiert. Aufgrund seiner Tätigkeit und seiner Funktion als Mannschaftsarzt des FC Schaffhausen behandelt er regelmässig Sportler mit Knie-Verletzungen und hat einen entsprechend grossen Erfahrungsschatz in der Abklärung und Behandlung dieser Unfallfolgen.

Welche Knieverletzungen kommen aus Ihrer Sicht am häufigsten vor und wobei treten diese auf?

Dr. med. Kai-Uwe Lorenz:  Sportverletzungen am Knie treten in den meisten Fällen bei Kontaktsportarten wie Fussball oder Handball auf. Viele Unfälle ereignen sich aber auch ganz ohne Fremdeinwirkung, zum Beispiel durch ein Ausrutschen oder Umknicken.

Bei den Distorsionen (Zerrungen und Verdrehungen) werden Unter- und Oberschenkel auf unphysiologische Weise gegeneinander verdreht, gestaucht oder überstreckt. Dadurch erleiden verschiedene Strukturen im komplexen „Knie-Mechanismus“ einen Überdruck, wie zum Beispiel Menikus und Knorpel, welche dadurch einreissen können. Andere Strukturen werden überdehnt bis hin zur Ruptur wie die Kreuz- und Seitenbänder.

Was empfehlen Sie einem Sportler, der sich sein Knie verletzt hat und unter deutlichen Beschwerden wie Schmerzen, Schwellung, Gelenkblockade leidet?

Dr. med. Kai-Uwe Lorenz: In jedem Fall sollte bei Unfällen mit Knieverletzung ein Notfall oder Hausarzt aufgesucht werden. Hier erfolgt eine Triage um leichtere Knie-Verdrehungen mit Zerrung der Bänder oder Gelenkkapsel von schwereren Verletzungen zu unterscheiden.

In verschiedenen Fällen ist der erste Untersuch nicht eindeutig wegen ausgeprägter Schmerzen, wodurch ein Verlaufsuntersuch nötig ist. Bei Verdacht auf relevante Verletzungen am Knie werden neben dem Röntgenbild weitere Abklärungen wie MRI-Untersuchungen veranlasst. Die am häufigsten diagnostizierten Verletzungen sind der Riss des Innenbandes, die Läsion des Innenmeniskus und die Ruptur des vorderen Kreuzbandes.

Wie kommt es zu einem Riss des Innenbandes?

Dr. med. Kai-Uwe Lorenz: Ein Innenbandriss entsteht häufig durch eine von der Aussenseite einwirkende Kraft auf das Kniegelenk. Dadurch kommt es zu einem Biegemoment im Knie (Valgus-Stress oder X-Bein-Stress), der zu einer übermässigen Zugbelastung des Innenbandes führt (Mediales Collaterales Ligament, kurz MCL). Diese Verletzung ist sehr häufig und spricht gut auf eine konservative Behandlung an. Der anfängliche Verlauf kann sich aufgrund von Dehnungsstress bei endgradiger Beugung und Streckung etwas mühsam gestalten, aber im Verlauf wird sich das Knie in aller Regel ohne Folgen von dieser Verletzung erholen. Sportliche Aktivitäten sind meist nach 4 bis 6 Wochen schon wieder möglich, Schmerzen können aber gelegentlich für 6 bis 8 Wochen persistieren, da die Fasern des Innenbandes sehr gut mit Schmerzrezeptoren innerviert sind.

Die Meniskusrisse treten häufig auf der inneren Seite des Kniegelenkes auf. Wieso wird der Meniskus gerade dort so häufig verletzt?

Dr. med. Kai-Uwe Lorenz: Meniskus-Verletzungen resultieren in den meisten Fällen aus einer Knie-Verdrehung.  Durch gleichzeitige Rotation und Beugestress mit allfälligem O-Bein-Stress wird der hintere Anteil des Innenmeniskus unter hohen Druck gebracht. Da der Innenmeniskus fest mit der Gelenkkapsel verwachsen ist, kann dieser der Überdruck-Situation nicht gut „entkommen“ und reisst ein. Diese Risse sind klinisch relevant und führen zu einschiessenden Schmerzen durch eine Einklemmung der defekten Meniskusanteile.

Kann man für den Innenmeniskus auch eine Standard-Therapie empfehlen, wie für das Innenband?

Dr. med. Kai-Uwe Lorenz: Ein relevanter Riss des Meniskus aufgrund eines Unfalls erfordert in den meisten Fällen eine operative Behandlung, da solche Läsionen nicht heilen können. Vor der Operation muss aber genau die Form und Lage des Risses untersucht werden. Liegt der Riss in der Peripherie des Meniskus, ist eine sparsame Entfernung der defekten Anteile zu empfehlen. Liegt jedoch ein Riss an der Meniskusbasis in der Nähe der Gelenkkapsel vor, sollte eine Naht angestrebt werden, die den Meniskus erhalten kann. Die Nachbehandlung nach einer solchen Naht ist jedoch aufwändig und benötigt viel Einsatz des Patienten. Doch der Aufwand lohnt sich, da der Meniskus als Stossdämpfer im Kniegelenk fungiert und vor einer frühzeitigen Abnutzung des Knorpels schützt.

Eine häufige Verletzung des Kniegelenkes ist die Ruptur des vorderen Kreuzbandes. Müssen alle Verletzungen dieser Art operativ behandelt werden?

Dr. med. Kai-Uwe Lorenz: Beim Riss des vorderen Kreuzbandes ist nicht immer ein operativer Eingriff erforderlich. Es zeichnen sich im Allgemeinen drei Reaktionen der Sportler auf eine solche Verletzung ab.

  • Die „Coper“ kommen mit der Situation gut zurecht (engl. „to cope“ =  „zurechtkommen“). Mit einer konservativen Therapie und nachfolgendem ausgebautem Reha-Programm kann wieder das gewünschte Leistungslevel erreicht werden. Inwieweit im Verlauf sekundäre Schäden auftreten, hängt vom weiteren Verlauf ab. Treten Symptome wie kurze Schmerzattacken oder Unsicherheiten auf, sind weitere Untersuchung hilfreich, um sekundäre Meniskus- und/oder Knorpelläsionen auszuschliessen.
  • Die „Avoider“ (vom engl. „to avoid“ = „vermeiden“) kommen im Alltag zurecht, erreichen jedoch nicht das alte Leistungslevel und verzichten auf verschiedene Aktivitäten und Sportarten, da ein subjektives Unsicherheitsgefühl besteht.
  • Ein Grossteil der Sportler kommt ohne das vordere Kreuzband nicht zurecht und hat auch im Alltag subjektiv das Gefühl der Unsicherheit. Diese Sportler werden als „non Coper“ eingestuft („kommen nicht zurecht“).

Primär sollte sich das Knie vom Unfall, durch Physiotherapie unterstützt, erholen und im Alltag so gut wie möglich eingesetzt werden. Erst dann können der Sportler und der Orthopäde erkennen, ob das Kniegelenk im Alltag stabil ist. Bei subjektiver und objektiver Instabilität Ansonsten sollte eine operative Behandlung erfolgen. Fussballer oder Handballer werden meist mit einer VKB-Plastik (Ersatz des vorderen Kreuzbandes) versorgt, da diese Sportler ihre Kniegelenke sehr stark belasten. Auf der Basis einer rekonstruierten korrekten Anatomie ist der Patient dann wieder in der Lage, das Kniegelenk voll zu belasten.

Unabhängig davon, ob eine konservative Therapie erfolgt oder eine Operation durchgeführt wird, muss man bei einer solchen Verletzung mit einer langen und aufwändigen Reha-Phase von mindestens 6 Monaten rechnen.