Dr. Susanne Choinowski Gaschen ist leitende Grundversorgerin des neuen Gesundheitszentrums im Berner Hauptbahnhof, das am 19. August seine Tore öffnet. Im Interview erklärt sie, warum in der medizinischen Grundversorgung neue Modelle nötig sind.

Frau Dr. Choinowski Gaschen, wie geht die Schweizer Bevölkerung mit dem Thema Gesundheit um?

Unser Umgang mit Gesundheit wird immer komplexer: Innovation und moderne Technologie erlauben es heute, eine Vielzahl einst schwerer Krankheiten zu heilen. Patienten und Fachpersonen sind über neue Krankheiten, deren Behandlungsmöglichkeiten und Präventionsmethoden besser informiert.

Inwiefern beeinflussen demografische Faktoren unsere Gesundheit?

Mit der demografischen Alterung nimmt der Anteil an Personen mit chronischen Krankheiten zu. Viele leiden unter Schmerzen, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Problemen, Atemschwierigkeiten oder eingeschränkter Mobilität. Und praktisch alle sind auf Medikamente angewiesen.

Welche Auswirkungen haben chronische Krankheiten auf die medizinische Versorgung?

In den nächsten zehn Jahren werden diese Krankheiten die Ursache 60% aller Erkrankungen ausmachen. Schon heute betreffen 80% aller Beratungen in der Hausarztpraxis chronische Erkrankungen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber, dass Patienten häufig nicht die Versorgung erhalten, die sie mit einer chronischen Erkrankung benötigen.

Welche Herausforderungen stellen sich bei der Behandlung chronisch kranker Patienten?

Betroffene erhalten nicht immer effektive Hilfe wie Patientenschulung und Selbstmanagement. Häufig sind unterschiedliche Akteure in die Behandlung involviert, die unzureichend kommunizieren und somit eine Fragmentierung der Versorgung und Mehrfachbehandlungen verursachen. Wir benötigen deshalb neue medizinische Versorgungsmodelle.

Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen im Praxiszentrum am Bahnhof?

Im Praxiszentrum am Bahnhof Bern gewährleisten wir eine kontinuierliche Beziehung zu einer persönlichen Ärztin oder einem Arzt. Diese leitet das Team, das die Verantwortung für die Kontinuität der Betreuung des Patienten übernimmt. Hausärzte und Spezialisten arbeiten Hand in Hand. Somit profitieren Patienten von raschen Überweisungen und kurzen Wartezeiten. Sprechstundenzeiten ausserhalb der üblichen Bürozeiten erleichtern die Behandlung – dank der Walk-in-Sprechstunde auch in dringenden Fällen.

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