Vom 5. bis 21. August finden in die Rio de Janeiro die olympischen Sommerspiele statt. Damit steigt auch die Angst vor dem Zika-Virus, der in Brasilien stark verbreitet ist. Mehrere Spitzensportler (darunter Tennisprofis wie Simona Halep und Milos Raonic) haben gar ihre Teilnahme an Olympia abgesagt – aus Angst vor dem Zika-Virus. Insbesondere für Schwangere bzw. deren ungeborenen Kinder stellt das Virus eine Gefahr dar. Der Gynäkologe Prof. Dr. med. Christian Breymann erklärt uns die wichtigsten Fakten rund um das Zika-Virus und was Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch beachten sollten.

Herr Prof. Breymann, erklären Sie uns doch bitte kurz, um was es sich beim Zika-Virus handelt.

Prof. Dr. med. Christian Breymann: Das Zika-Virus (ZIKV) gehört zur Gruppe der Flaviviren, zu denen auch die Viren gehören, die das Denguefieber, das Gelbfieber, die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die Japanische Enzephalitis und das West-Nil-Fieber verursachen. Als Überträger kommen Affen, Menschen und Stechmücken in Frage. Der Name «Zika» kommt daher, dass das Virus erstmals bei Affen aus dem Zika-Wald in Uganda nachgewiesen wurde. Hauptvorkommen des ZIKV sind derzeit Mittel- und Lateinamerika, Karibik, Inseln wie Fidschi, Tonga, Papua Neuguinea und vereinzelt auch Vietnam, Laos, Thailand, Indonesien, Malediven und Philippinen. Die Verbreitung des Zika-Virus kann auf der Website der Centers of Disease Control (CDC) nachgeschaut werden.

Was für Erkrankungen mit welchen Symptomen sind auf das Zika-Virus zurückzuführen? Und welchen Gefahren sind speziell Schwangere ausgesetzt?

Prof. Dr. med. Christian Breymann: In den meisten Fällen, bis zu 70%, ist die Infektion mit dem Zika-Virus asymptomatisch, also ohne Krankheitsfolgen. Das heisst, man kann das Virus in sich tragen und ansteckend sein, ohne dass man davon etwas merkt. In den übrigen Fällen variiert das Krankheitsbild zwischen leichten grippeähnlichen Symptomen (Fieber, Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Konjunktivitis) bis zu Symptomen am zentralen Nervensystem mit Meningitis und Lähmungserscheinungen (Guillain-Barré-Syndrom).

Bei schwangeren Frauen kann es bei einer ZIKV-Infektion des Fötus zu einer erhöhten Fehlgeburts- und Frühgeborenenrate kommen. Ebenso kann eine intrauterine Mangelentwicklung auftreten, also dass das Baby während der Schwangerschaft oder bei der Geburt zu klein oder zu leicht für sein Alter ist, und vor allem die sogenannte «Mikrozephalie», das heisst ein abnormal kleiner und fehlgebildeter Kopf aufgrund von einer zu kleinen Hirnmasse des ungeborenen Kindes. Häufig haben die infizierten Kinder auch Seh- und Hörstörungen und schwere neurologische Ausfallserscheinungen.

Es ist unklar, in wieviel Prozent der Fälle einer infizierten Schwangeren es zum Übertritt zum Kind über die Plazenta kommt und wie viele Kinder bei einem plazentaren Übertritt tatsächlich krank werden. Die genauen Mechanismen des Übertritts des ZIKV von der Mutter zum Kind sind bisher auch nicht bekannt. Derzeitige Schätzungen gehen je nach Zeitpunkt der Infektion der Schwangeren von einer Schädigung von bis zu 30% der Kinder aus.

Die Ansteckung erfolgt über die Tigermücke (auch Gelbfiebermücke genannt). Gibt es auch Infektionen von Mensch zu Mensch wie zum Beispiel durch sexuellen Kontakt?

Prof. Dr. med. Christian Breymann: Die Ansteckung mit dem Zika-Virus erfolgt in den Risikogebieten hauptsächlich durch Stiche der Tigermücke (Aedes agypti/albopticus). Daneben ist erwiesen, dass auch die sexuelle Übertragung möglich ist, sowohl kurz vor als auch bis einige Wochen nach der akuten Erkrankungsphase. Das ZIKV kann bis zu 9 Wochen nach einer Infektion in Sperma nachgewiesen werden. Es wurde auch im Speichel nachgewiesen, eine Übertragung beim Küssen wurde aber bisher nicht gezeigt. Die Inkubationszeit (Zeit zwischen Infektion und Auftreten der Symptome) beträgt wahrscheinlich 3-14 Tage.

Die olympischen Sommerspiele stehen an und viele Menschen reisen nach Brasilien. Erhöht dies eine Gefahr der Virusausbreitung und speziell auch eine Gefahr für Schwangere?

Prof. Dr. med. Christian Breymann: Während zahlreiche Virusexperten von einer Reise nach Brasilien zur Olympiade abgeraten haben, hat die WHO (World Health Organization) keine klare Stellung gegen eine Reise nach Brasilien genommen. Die WHO geht von einem geringeren Risiko der Infektion aus, da die Tagestemperaturen zu dieser Jahreszeit etwas abgenommen haben und dadurch die Mücken weniger aktiv scheinen.

Die Entscheidung der WHO ist aber in Fachkreisen umstritten. Sollte es während der Olympischen Spiele zu Ansteckungen bei Gästen aus Europa oder anderen Kontinenten kommen, erhöht dies natürlich die Übertragungsgefahr in unseren Ländern. Dann wäre mit einer Zunahme von Zikainfektionen in unseren Ländern nach der Heimkehr von Besuchern zu rechnen.

Sollen Schwangere oder Frauen mit Kinderwunsch derzeit überhaupt nach Brasilien oder in andere Risikogebiete reisen? Wenn ja, mit welchen Vorsichtsmassnahmen?

Prof. Dr. med. Christian Breymann: Internationale Fachgremien wie auch die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) raten allen Schwangeren und Frauen, die eine Schwangerschaft planen, von einer Reise in ein ZIKA-Risikogebiet dringend ab. Lässt sich eine Reise nicht vermeiden, beispielswiese aus beruflichen Gründen, sollten die wesentlichen Schutzmassnahmen gegen Mückenstiche (Spray, Kleidung, Moskitonetze etc.) unbedingt angewendet werden, um Mückenstiche zu vermeiden (vgl. auch die Empfehlungen auf Safetravel.ch).

Müssen auch Vorsichtsmassnahmen von Hiergeblieben getroffen werden, da sie in Kontakt mit Menschen kommen können, die das Virus «mitgebracht» haben?

Prof. Dr. med. Christian Breymann: Personen, die sich in den letzten Wochen bis Monaten in einem Zika Übertragungsgebiet aufgehalten haben, Frauen, die sexuellen Kontakt mit einem mit Zika infizierten Mann hatten oder haben, und Frauen, deren Partner sich in den letzten 6 Monaten in einem Zika-Risikogebiet aufgehalten hat, sollten sich auf eine Zika-Virus-Infektion in einem spezialisierten Labor testen lassen.

Falls sich eine Schwangere in einem Endemie-Gebiet aufgehalten hat, sollte sie sich nach ihrer Rückkehr an einem Perinatal-Zentrum untersuchen und beraten lassen. Falls sich der Partner einer schwangeren Frau in einem Endemie-Gebiet aufgehalten hat, sollte bis zum Ende der Schwangerschaft beim Sex ein Kondom verwendet werden. Diese Empfehlung gilt, da die Zika-Testung im Blut kompliziert ist und in manchen Fällen das Virus noch nicht anzeigt, obwohl es zu einer Infektion kam (sogenannter «falsch negativer Test»).

In jedem Fall rate ich dazu, im Zweifel einen medizinischen Fachrat einzuholen.

Besten Dank für das aufschlussreiche Interview.

 

Weitere Informationen:

Informationen und Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) rund ums Zika-Virus

Gesundheitssendung CheckUp vom 15. Februar 2016 zum Zika-Virus: