Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich starke Krämpfe. Mich verlässt gerade mein Sternenkind. Mein Körper ist auf einer Achterbahnfahrt der Hormone. Trauer, Erlösung und Schmerzen teilen sich den Platz. Ein Abort (Fehlgeburt) – leider etwas, das viele Frauen durchstehen, doch nur wenige thematisieren.

Vor ein paar Wochen entdeckte ich mein kleines Wunder: Überraschend, aber mit viel Vorfreude auf Nummer zwei verwandelte sich unser Zügelstress plötzlich in die Vorfreude und Planung eines weiteren Kinderzimmers. Die Hormone machten ihre Arbeit, es ziepte und zwackte und auch die Übelkeit war bald täglich mein Begleiter. Alles so wie bei der letzten Schwangerschaft, oder zumindest fast…

Es setzten plötzlich Blutungen ein. Was mit wenig begann, endete in der Notaufnahme des Spitals an Auffahrt. Verdacht auf eine Eileiter-Schwangerschaft. Zwei Tage Blut-Entnahme (Messung des Schwangerschaftshormons), drei Ärzte und drei Ultra-Schall-Untersuchungen später war dann klar: Ich bin auf dem Weg des dritten Aborts. Mein kleines Sternenkind würde mich bald verlassen. Mein Körper begann mit einer Berg- und Talfahrt.

Neben dem Verdacht auf eine gefährliche Eileiter-Schwangerschaft wurden mir auch weitere Szenarien plötzlich bekannt. Eine Blasenmole konnte glücklicherweise schnell ausgeschlossen werden und man vermutete dann ein Windei (beides Störungen der Embryonalentwicklung, mehr dazu auf swissmom). Ich wollte lachen und weinen gleichzeitig. Ich merkte, wie der Hormonsturz kam. Die Welle von tiefer Trauer, das «Leer-Weinen» und das Bewusstwerden, dass die Vorstellung des zweiten Kindes lediglich ein Gedanke bleibt, der sich irgendwann verflüchtigt.

Diese Zeilen entstanden während zwei Wochen. Ganze zwei Wochen brauchte mein Körper, um sich von der Schwangerschaft zu lösen. Aber er hat es alleine geschafft. Wieder einmal mehr ein Wunder, mit welcher Kraft und Feinfühligkeit der Körper merkt und handelt.

Liebes Sternenkind, wir hätten dich sehr gerne bei uns gehabt. Aber alles hat einen Sinn im Leben und ich weiss, irgendwann werde ich verstehen, warum ich dich nie im Arm halten werde.

 

Fehlgeburt (Abort) aus ärztlicher Sicht

Ein Abortgeschehen ist enttäuschend, hat aber auch positive Aspekte. Und die betroffene Frau sollte dabei unbedingt ihren Gynäkologen aufsuchen, der sie dabei unterstützt.

In den ersten 11 Schwangerschaftswochen müssen Tausende von Prozessen «Hand in Hand» ablaufen, wie bei einem Puzzle mit 10‘000 Einzelteilen. Liegen die «ersten Puzzleteile» falsch, so gibt es nie ein Ganzes und das Abortgeschehen nimmt seinen Anfang. Dadurch verhindert die Natur grösstenteils Fehlbildungen, so dass glücklicherweise schwere angeborene Behinderungen bei Babys selten sind (ca. 1 auf 2000 Neugeborene).

Die Aborthäufigkeit, die von der betroffenen Frau wahrgenommen wird, bewegt sich um 12%, d.h., dass jede 8. Schwangerschaft vor 12 Wochen nicht mehr weitergeht. Zahlreicher sind Frühstaborte, bei denen die Blutung verspätet eintritt: Die Frau nimmt gar nicht wahr, dass eine Empfängnis stattgefunden hat und hinter der verspätet eingetretenen Blutung ein frühes Schwangerschaftsgeschehen stand. Bei Aborten, die sich zwischen der 8. und 12. Schwangerschaftswoche manifestieren, wurde die Schwangerschaft hingegen schon wahrgenommen. Dies erklärt die verständliche Enttäuschung und wird von jeder Frau individuell verarbeitet. Gerade bei einer bewusst und lange geplanten Schwangerschaft entwickeln die Frauen häufiger Trauer und Frustration, da sie nicht verstehen, weshalb gerade sie davon betroffen sind. In diesem Moment mag es wenig trösten, dass eine Fehlgeburt auch eine Selbstregulation der Natur ist und das Risiko für eine Fehlbildung senkt.

Diagnose einfach und verlässlich – eine lösungsorientierte Behandlung erspart Schmerzen und Langwierigkeit.

Die Diagnose eines Abortgeschehens ist mit 2 Ultraschalluntersuchungen gesichert: Einerseits kann damit das Wachstum der Fruchtanlage verlässlich beurteilt werden, andererseits ist eine kindliche Herzaktion 30 Tage nach Empfängnis verlässlich nachweisbar. Durch eine kompetente ärztliche Beurteilung können die Behandlungsoptionen rasch besprochen werden. Aus meiner täglichen Erfahrung ist bei einem Abortgeschehen mit einer baldigen spontanen Ausstossung (ohne ärztliche Hilfe) nur dann zu rechnen, wenn die Fruchtblase noch klein ist, sonst kommt es zu massiven Krämpfen und Blutungen über Tage oder sogar über 2 Wochen. Dass muss nicht sein. Deshalb sollte eine Frau bei Verdacht auf eine Fehlgeburt (Blutungen, Schmerzen, Krämpfe) unbedingt gleich ihren Gynäkologen aufsuchen. Je nach Situation unterstützt dieser sie medikamentös oder mit einem chirurgischen Eingriff.

Dr. med. Reto Stoffel
Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe