Hierzulande noch praktisch unbekannt, ist Chia (sprich «Tschia») in England nicht mehr zu übersehen. Als ich vor Kurzem für einige Tage in London unterwegs war, stolperte ich geradezu über diese vom äusseren Erscheinungsbild an Sesam oder Amaranth erinnernden Samen. In grossen Auslagen werden sie in den verschiedensten Verpackungsvarianten, als rohe Samen oder als Pudding in verschiedenen Geschmacksrichtungen angeboten. Gesund sollen sie sein, und zu einem stolzen Preis werden sie verkauft.

Nicht neu – nur neu entdeckt

Chia ist keine genmanipulierte Laborpflanze, sondern ein einjähriges, bis ca. 1 Meter hohes Kraut der Gattung Salbei, dessen Samen in Nord- und Südamerika von den Ureinwohnern während vieler hundert Jahre als hochwertige Nahrung genutzt wurden. Ihr botanischer Name Salvia hispanica ist irreführend, da die Pflanze ursprünglich aus Mexiko und nicht aus Spanien stammt. Heute wird sie in vielen Ländern Südamerikas sowie auch in Australien kultiviert. Regen  liebt sie nicht, deshalb ist sie bei uns natürlicherweise nicht anzutreffen. Übersetzt bedeutet die aus der Sprache der Maja stammende Bezeichnung Chia übrigens «Stärke», da die Samen auf kleinstem Volumen grosse Mengen wichtiger Nährstoffe enthalten.

Powersamen

Mit gut 40 % Chiaöl, welches besonders reich an wertvollen Omega-3-Fettsäuren ist, ca. 20 % hochwertigem Eiweiss und vielen verdauungsfördernden Ballaststoffen ist Chia ein wirklicher Superfood. Auch mit einem hohen Gehalt an Vitaminen (vor allem Vitamin A und verschiedene B-Vitamine), Mineralien, wie z.B. Kalzium, Eisen oder Zink und Antioxidantien kann Chia punkten. Und damit lässt es sich auch gut vermarkten: Die Produktversprechen reichen von Anti-Aging über Gewichtsreduktion, Stärkung des Immunsystems bis zur positiven Beeinflussung von Blutfettwerten. Letztere Wirkung wurde sogar in verschiedenen klinischen Studien untersucht. Die Einnahme von 25 g Chia pro Tag vermochte die Blutspiegel gewisser wichtiger Omega-3-Fettsäuren (EPA und ALA) signifikant zu erhöhen – diese positiven Resultate wurden jedoch nur mit den gemahlenen, nicht mit den ganzen Samen erreicht.

Vielseitig verwendbar

«Sprinkle on porridge and salads» heisst es auf dem Plakat eines zweiten Verkaufspunktes in einem englischen Supermarkt. Tatsächlich sind die Anwendungsmöglichkeiten in der Küche unendlich gross. Chia-Samen haben keinen Eigengeschmack, können als ganze Samen oder gemahlen zu Müesli hinzugefügt, mit Mehl zum Backen gemischt oder eben über den Salat gestreut werden. Legt man sie über Nacht im Kühlschrank mit etwa dem sechsfachen Volumen  Flüssigkeit (Wasser, Milch, Soja-, Hafer- oder Mandelmilch) ein, bildet sich ein fester Schleim. Dieser kann gesüsst, gesalzen, gemischt, erwärmt oder als Verdickungsmittel in Smoothies oder für Saucen genutzt werden. Mein Lieblingsrezept mit zugegebenermassen noch wenig Erfahrung: In Sojamilch gequollene Chia mit Quark, Mandelmus und etwas Milch mischen und als gut sättigendes Frühstück konsumieren.

In England gibt es mehrere Kochbücher, die sich ausschliesslich Chia widmen – bei uns kann man z.B. im Reformhaus fündig werden oder selbstverständlich lässt sich eine riesige Auswahl an Rezepten im Internet finden. An denselben Adressen kann Chia auch als Premiumfood bzw. Nahrungsergänzung gekauft werden.

Soll man etwas essen, nur weil es gesund ist?

Als Hilfsmittel zur Gewichtsreduktion ist Chia einen Versuch wert: Ein Esslöffel gequollene Chia-Samen mit einem Glas Fruchtsaft oder mit zwei Esslöffel Magerquark und etwas Milch sollten bis zum Mittagessen sattmachen. Ansonsten bleibt Chia doch etwas fad. Ohne Eigengeschmack stören die Samen zwar nicht und lassen sich auch gut überall verstecken, zeigen aber eben auch keinen Charakter. Dafür bietet Chia, wie ein unbeschriebenes Blatt, viel Raum für Kreativität: Man kann mit Chia eigentlich nichts falsch machen, sondern nur ausprobieren und gewinnen.

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