Schon seit 10 Jahren setzt sich Dr. med. Claude Müller gemeinsam mit dem Orthopäden Dr. med. Daniel Hueskes in Vietnam für Kinder und junge Erwachsene mit körperlichen Behinderungen ein, die grösstenteils auf den amerikanischen Gifteinsatz im Vietnamkrieg zurückzuführen sind. Die beiden Ärzte reisen zweimal im Jahr nach Vietnam ans nationale Zentrum für Orthopädietechnik in Hanoi und bilden dort anhand von realen Fällen einheimische Orthopädietechniker weiter. Einige Patienten, die Dr. Claude Müller in den Sprechstunden untersucht, kann er während seinem Aufenthalt an einem Spital operieren.

Herr Dr. Müller, wieso setzen Sie sich für das Projekt in Vietnam ein?

Dies hat einerseits einen familiären Hintergrund, der im Vietnamkrieg selber gründet. Andererseits war die Destination Vietnam auch ein Zufall und ergab sich durch die Anfrage von Herrn Hueskes an die Klinik, an der ich damals arbeitete. Ursprünglich wollten wir einfach evaluieren, inwiefern eine orthopädische Tätigkeit in Vietnam notwendig und sinnvoll ist. Dass daraus ein Projekt von der heutigen Grössenordnung entsteht, war damals nicht abzusehen.

Wie gehen Sie mit den emotionalen Belastungen um, die ein solches Engagement mit sich bringt? Können Sie sich gut distanzieren?

Diese Distanz gelingt mehrheitlich recht gut, zumal mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis mit den dort ansässigen Leuten besteht. Es gibt aber Situationen, in denen eine Distanzierung nicht möglich ist und man sich selber überlassen ist. Deshalb ist ein intaktes soziales Umfeld wichtig. Schlussendlich bleibt häufig die Einsicht, dass die Realität in Vietnam eine komplett andere ist als in unserem wohlbehüteten Umfeld.

Welchen Problemen oder Hindernissen begegnen Sie bei Ihren Einsätzen?

Probleme sind z.B. die mangelhafte Infrastruktur bzw. fehlende Operationsinstrumente, die mit Improvisationsvermögen meistens gelöst werden können. Kulinarische Unverträglichkeiten können ein Problem darstellen, da sie einen gelegentlich für ein, zwei Tage ans Bett fesseln. Allerdings gehören solche Unwägbarkeiten auch zum Reiz solcher Tätigkeiten.

Sie engagieren sich schon seit 10 Jahren in diesem Projekt. Hat sich in dieser Zeit vor Ort etwas verändert? Spüren Sie Fortschritte?

In diesen 10 Jahren hat sich das vietnamesische Gesundheitssystem langsam, aber stetig modernisiert. In finanzieller Hinsicht hat sich das noch nicht bis zur Basis hinunter ausgewirkt. Der Lernfähigkeit und der Offenheit gegenüber Neuem der Kollegen in Vietnam ist es zu verdanken, dass sehr viele Neuerungen oder Therapievorschläge umgesetzt wurden und heute im Norden Vietnams vermehrt angewendet werden.

Beeinflussen Ihre Erfahrungen in Vietnam Ihre Arbeit hier in der Schweiz?

Sicherlich ist Entwicklungshilfe keine Einbahnstrasse, sondern geht in beide Richtungen. Ich habe festgestellt, dass wir hier mit unserem hochtechnisierten Operationsangebot häufig die grundlegenden Regeln der operativen Tätigkeit verlernt haben. Vor allem in der Orthopädie kann heute mit Hilfe von sehr teuren Implantaten fast alles korrigiert werden. In Vietnam ist dies nicht vorhanden, so dass man sich wiederum auf die alten Erkenntnisse besinnen muss, um Probleme lösen zu können. Ausserdem führt die Arbeit im ungewohnten Umfeld mit gelegentlichen Schreckmomenten auch dazu, dass man eine gewisse Gelassenheit im heimischen Alltag entwickelt und die eigentliche Grösse von Problemen besser beurteilen kann.

Vielen Dank für dieses Interview – wir wünschen Ihnen weiterhin viel Kraft und Energie in Ihrem Engagement.

Andrea Klemenz
Textchefin Unternehmenskommunikation

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