Das folgende Interview wurde von der ZEIT geführt und erschien in der Ausgabe 34/2019. Mit freundlicher Genehmigung veröffentlichen wir es auch hier auf unserem Karriereblog.

Die Österreicherin Saskia Maier, 24, arbeitet als Pflegefachfrau in einer Klinik in Aarau. Sie ist baff, wie viel Verantwortung sie hier tragen darf. Sie ist eine von 42 500 Österreicherinnen und Österreichern in der Schweiz. Aufgewachsen ist sie in Wolfsberg in Kärnten und liess sich in Klagenfurt zur Pflegefachfrau ausbilden. Heute arbeitet Maier in der Hirslanden Klinik in Aarau.

DIE ZEIT: War es Glück, Zufall oder ein Plan, dass Sie in die Schweiz kamen?

Saskia Maier: Riesiges Glück! Ich habe in Kärnten, in Klagenfurt am Wörthersee, meine Ausbildung zur Pflegefachfrau gemacht. Eines Tages hing an der Schule ein unscheinbares Plakat im Flur, da stand, dass die Hirslanden Klinik in Aarau Praktikanten sucht. So im Stil: Wir brauchen dich!

ZEIT: Und?

Maier: Ich dachte: Die Schweiz? Ich muss zugeben, ich wusste nichts über dieses Land, rein gar nichts. Ich bin sehr wissbegierig und entdecke gerne Neues. Also bewarb ich mich und konnte noch während der Ausbildung sechs Wochen lang in Aarau arbeiten. Es gefiel mir so gut, die Kolleginnen waren so nett, dass ich nicht lange zögerte, als mir die Klinik einen Job anbot, also zurückzukommen, wenn ich meine Ausbildung abgeschlossen habe. Am 22. September 2016 erhielt ich mein Diplom, am 2. Oktober fing ich hier an zu arbeiten!

ZEIT: Warum wollten Sie keine Stelle in Österreich antreten?

Maier: Es gab auch dort Angebote in interessanten Städten, aber ich dachte: Warum nicht einmal ins Ausland? Weg von daheim? Ich wollte auf eigenen Füssen stehen.

ZEIT: Wie wichtig war für Sie der Lohn?

Maier: Der ist natürlich sehr reizvoll. Zumindest auf den ersten Blick, da denkt man: Wow! Und realisiert dann, dass die Steuern nicht direkt abgezogen werden und einem am Ende doch nicht so viel bleibt, wie man dachte. Aber doch viel mehr als in Österreich. In der Schweiz kann ich fünfmal so viel auf die Seite legen wie in Österreich. Das ist schön.

ZEIT: Zweifelten Sie nie an Ihrem Entscheid?

Maier: Doch! Meine Oma war eine sehr wichtige Person für mich, eine Art zweite Mutter. Schon während meiner Ausbildung habe ich sie zusammen mit meiner Mutter gepflegt. Manchmal fuhr ich während der Woche heim nach Wolfsberg ins Lavanttal, um sie zu betreuen. Es war klar: Gehe ich in die Schweiz, muss meine Oma eine 24-Stunden-Hilfe haben. Damit habe ich gehadert. Doch als sie und auch meine Mutter sagten, dass sie meinen Entscheid unterstützen würden, habe ich in Aarau zugesagt.

ZEIT: Wer hat Ihre Grossmutter danach gepflegt?

Maier: Wir hatten vier verschiedene Hilfen aus Rumänien. Leider nur ein halbes Jahr lang, dann ist meine Oma verstorben. Das war sehr schwer, da hab ich gemerkt, wie weit die 800 Kilometer sind, die man von zu Hause entfernt ist.

ZEIT: Nun arbeiten Sie in der Hirslanden Klinik in Aarau. Was ist der grösste Unterschied zur Arbeit in Österreich?

Maier: Man hat sehr viel Verantwortung. In der Schweiz dürfen wir Pflegefachkräfte die Arbeit machen, die in Österreich den Assistenzärzten vorbehalten ist. Ich darf Bluttransfusionen machen, arbeite mit den Infusionszugängen, betreue IMC-Patienten, also solche, die zwar nicht mehr auf der Intensivstation sein müssen, aber noch besondere Betreuung benötigen.

ZEIT: Warum sind Sie nicht Ärztin geworden?

Maier: Ärzte haben eine noch viel grössere Verantwortung – und dies bei riesigem Zeitdruck, sie haben nur ein paar Minuten für den Patienten. In der Pflege kann ich ganzheitlicher und näher am Menschen arbeiten.

ZEIT: Sieht ein Krankenzimmer hier anders aus?

Maier: Der Standard ist in der Schweiz sehr hoch. Wir haben sehr moderne Betten, helle Zimmer, und die Zweibettzimmer sind hier sehr weit verbreitet, nicht nur an Privatkliniken. Ich bin Vier- und Sechsbettzimmer gewohnt. Auf der Intensivstation, auf der meine Oma zum Schluss lag, gab es sechs Betten in einem Raum, abgetrennt von einem weissen, leichten Vorhang. Das ist für jemanden, der schon fast am Gehen ist, keine schöne Sache.

ZEIT: Wie werden die Patienten verpflegt?

Maier: Ich erlebe hier den puren Luxus! Die Patienten dürfen aus drei Menüs auswählen, da gibt es Rindshohrücken, Steak, Wild, alles. Dazu drei Varianten von Desserts und Vorspeisen. Und dies nicht nur für die privat, sondern auch für die allgemein Versicherten.

ZEIT: Ist das in Österreich nicht so?

Maier: Da muss man sich Breiportionen vorstellen, wie man sie aus den Filmen kennt. Oder ein Stück Brot, ein Stück Butter, ein Stückli Käse. Das war’s.

ZEIT: Wie viel Zeit können Sie sich für den einzelnen Patienten nehmen?

Maier: In den sechs Einrichtungen, in denen ich während meiner Ausbildung gearbeitet habe, war eine Pflegekraft für 15 Patienten zuständig. Da ist man am Morgen in die Abteilung rein, hat Tabletten verteilt, Blutdruck gemessen und ist wieder gegangen. Man hatte gerade mal Zeit, den Patienten zu fragen, ob er gut geschlafen hat.

ZEIT: Ist das in der Schweiz anders?

Maier: Ganz anders! Wir legen sehr viel Wert auf die Bezugspflege, das heisst, jeder Patient hat eine persönliche Ansprechperson. Ich bin für etwa fünf Personen zuständig.

ZEIT: Das klingt nach perfekten Bedingungen.

Maier: Ja. Wobei ich auch hier gerne noch mehr Zeit für die Patienten hätte. Gerade wenn sie, wie in der Schweiz, sehr neugierig und offen sind, da möchte man sich die Zeit nehmen, mit ihnen zu sprechen. Oft fragen sie sich, woher ich mit meinem sonderbaren Dialekt komme. Und sagen dann: Ah, Österreich, da war ich im Urlaub! Das ist dann ein guter Türöffner.

ZEIT: Sie waren erst 21, als sie allein in die Schweiz …

Maier: … nein, ich kam mit einer Freundin, die mit mir in Klagenfurt die Ausbildung gemacht hat. Wir haben uns sogar eine Wohnung geteilt. So lange, bis sie einen Schweizer kennengelernt hat und ausgezogen ist. Inzwischen sind noch mehr Leute hinzugekommen.

ZEIT: Sie haben Kolleginnen zum Auswandern bewegt?

Maier: Der Schwester meines Freundes konnte ich einen Job in derselben Klinik vermitteln, eine Bekannte aus meinem Dorf ist daran, denselben Weg zu gehen wie ich: Sie hat das Plakat in der Schule gesehen, ein Praktikum gemacht und wird nun wohl ebenfalls bleiben. Am schönsten ist aber, dass mein Freund den Schritt in die Schweiz im Februar auch gewagt hat. Zwei Jahre Fernbeziehung waren genug!

ZEIT: Wie lange werden Sie bleiben?

Maier: Das kann ich nicht sagen. Im Moment habe ich einfach ein so grosses Glück, und das möchte ich greifen.

Das Gespräch führte: Sarah Jäggi (DIE ZEIT)

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