Einen Monat lang arbeitete die OP-Fachfrau Diana Rath aus der Hirslanden Klinik Belair, Schaffhausen, auf einem Spitalschiff von Mercy Ships. Sie ist eine von elf Hirslanden-Mitarbeiterinnen, die sich so bis Juni 2019 im Rahmen einer Partnerschaft von Hirslanden und Mercy Ships engagieren. Sie erzählt von ihren Eindrücken, Herausforderungen und was sie bei ihrer Arbeit besonders rührte.

Heute ist mein vorletzter Abend auf der «Africa Mercy». Eben habe ich an Deck noch einen traumhaften Sonnenuntergang genossen – bei solchen ordne ich oft die Eindrücke des Tages. Ich will mich jetzt, so gut es geht, zurückziehen und für mich und euch die vier Wochen hier bei Mercy Ships Revue passieren lassen.

Abschiedstorte

Das OP-Team der Klinik Belair verabschiedete Diana mit einer Torte.

Ziemlich aufgeregt, was mich wohl so alles erwarten wird, fliege ich am 8. November von Zürich über Paris nach Westafrika. Dies nach einer herzlichen Verabschiedung mit Torte von unserem OP-Team in der Klinik Belair und begleitet von guten Wünschen und lieben Zeilen.

Da ich von Mercy Ships bereits ein T-Shirt für die Reise erhalten habe, kann ich schon in Paris erste Kontakte knüpfen und werde im Flieger nach Conakry von weiteren «Mercyshiplern» angesprochen.

 

 

Nur Platz für das Nötigste in den Kabinen des Spitalschiffs

Bei der Ankunft läuft alles reibungslos. Ein Mercy-Ships-Bus holt uns am Flughafen ab und bringt uns an den «Seehafen». Es ist schon spät und dunkel, als wir vor dem riesengrossen, weissen, beleuchteten Schiff stehen – beeindruckend! Bevor wir über die Gangway an Bord dürfen, müssen wir uns alle an einem langen Wassertrog die Hände waschen und desinfizieren. Von jedem wird ein Foto für den Badge gemacht und dann die Kabinen zugeteilt. Ich habe ja wirklich keine Luxussuite erwartet, aber als ich dann in meine 6-er Kabine komme und mir das obere Bett eines Stockbettes zugeteilt wird, schlucke ich erst einmal leer. Zum Glück hat uns Tamara von der Hirslanden Klinik St. Anna, die schon länger an Bord ist, geschrieben, dass für einen Koffer kein Platz ist und wir nur das Nötigste mitnehmen sollten.

Der 1. Tag ist eine Art Orientierungstag für alle Neuankömmlinge: Man zeigt und erklärt uns das Schiff, Finanzen, Essenszeiten, Rechte und Pflichten an Bord (es leben hier 400 Menschen aus 38 Nationen). Da mein Orientierungssinn nicht der Allerbeste ist, drehe ich die ersten Tage immer wieder «Extrarunden», um ans Ziel zu kommen. Ich lerne meine Mitbewohnerinnen kennen: lauter Frauen zwischen 25 und Ende 30, also einiges jünger als ich. Es hat auch Vorteile zu sechst: Ich erhalte wertvolle Tipps und kenne schon einmal Leute aus anderen Berufssparten.

Der erste Tag im OP

Dann mein erster Arbeitstag im OP (total sind es 5 Säle) mit Arbeitskleidung aus Baumwolle und bunten Stoffhauben. Ich bin im OP 2 in der Allgemein-Chirurgie eingeteilt. Das dortige Team trifft sich im Saal zum «Team-Briefing»: Jeder stellt sich mit Namen, Funktion und Herkunftsland vor. Alle heutigen Patienten werden besprochen: geplante OP, voraussichtliche Dauer, Antibiotikagabe, zu erwartender Blutverlust, spezielles Instrumentarium. Dann spricht einer aus der Gruppe ein Gebet – das ist erst einmal gewöhnungsbedürftig. Allerdings liess der Begriff «christlich orientierte Hilfsorganisation» schon erahnen, dass es religiös sein wird. So wird viel gebetet und der Segen für Patienten und Crew erbittet. Für mich ist das in Ordnung – leben und leben lassen – und gesegnet in den Tag zu starten, kann ja nicht schaden.

Nach dem Gebet holt eine von uns OP-Schwestern den Patienten von der Station ab, meist mit einem Dolmetscher aus der Gegend. Obwohl die Amtssprache Französisch ist, sprechen nur wenige Patienten französisch oder sogar englisch (die Analphabeten Quote liegt bei 68%). Die Dolmetscher sprechen je nachdem Fula, Malinke, Susu, Pula oder Kissi. Dieses erste Mal werde ich noch von einer Kollegin begleitet. Wir vergewissern uns anhand des ID-Armbands, dass es der richtige Patient ist, ob er weiss, was gemacht wird, die Dokumente ausgefüllt unterschrieben (oder ersatzweise mit einem Fingerabdruck versehen) vorhanden sind, und begleiten ihn in den OP.

Ich bin überrascht, wie modern und gut sortiert der OP, die Siebe und das Nahtmaterial hier sind. Für diesen Tag sind 4 Patienten geplant mit riesigen Lipomen und Hernien. Da in dieser Crew heute Amerikaner, Engländer und Kanadier sind, also alle mit Englisch als Muttersprache, komm ich ganz schön ins Schwimmen mit meinen Englischkenntnissen. Sie sprechen mir zu schnell (was ja sonst mir vorgeworfen wird). Dazu kommt, dass im Saal ein ziemlicher Geräuschpegel herrscht, da meist noch ein einheimischer Gastarzt mit einem Übersetzer von Englisch ins Französische dabei ist. So bin ich froh, als ich mich waschen und als sterile Schwester an den Tisch kann. An dieser Stelle ein dickes DANKE vor allem an Dr. Schneider und auch Dr. Kast für euer Englischtraining am OP-Tisch in der Klinik Belair!

Da es keine Räumlichkeiten für das Ein- oder Ausleiten der Narkose gibt und alles im Saal stattfindet, braucht es seine Zeit – ein Tempo, an das ich mich anfangs erst gewöhnen muss.

Die Mittagspause verbringt das Team gemeinsam. Abends bin ich total geschafft, überwältigt von den vielen Eindrücken, und geh nach einer Dusche (max. 3 Minuten!) früh ins Bett. Die erste Woche im OP  2 vergeht wie im Flug.

Entdeckungsreise auf dem Spitalschiff

An meinem ersten Wochenende habe ich Rufdienst und Zeit, das Schiff zu inspizieren. Am schönsten ist es, oben auf Deck 8 morgens mit einer Tasse Tee oder Kaffee den Sonnenaufgang zu beobachten oder abends den wunderbaren Sonnenuntergang bei 28° zu geniessen. Es hat sogar einen Pool hier oben. Ausserdem gibt es eine Waschküche mit Waschmaschinen, Trockner, Staubsauger und Bügeleisen, eine Küche, um selber zu kochen oder zu backen, einen Supermarkt, der die nötigsten Utensilien wie Seife, Waschmittel Schokolade oder Steckdosenadapter hat, eine Internetecke, eine «Boutique» (eine Art Secondhandladen), den Essensraum und das Starbucks-Café.

Im Augen-OP

In der zweiten Woche bin ich doch tatsächlich 3 Tage im Augen-OP eingeteilt. Oje, ich habe zuvor noch nie im Augen-OP gearbeitet und das eigentlich im Bewerbungsschreiben deutlich vermerkt. Und dann in Englisch mit einem Augenarzt aus London und einer Kollegin aus Australien! Es liegen immer 2 Patienten im Saal, in der Mitte das Mikroskop. 11 Katarakte (Grauer Star) und 3 x Pterygium (Einwachsen von Gewebe auf die Bindehaut) gibt es zu operieren. Da es nicht sehr viele Instrumente braucht und meine Kollegin und der Chirurg geduldig sind, klappt es ganz gut. Am letzten Tag im Augen-OP kommt ein Schweizer Augenarzt aus Luzern, der dann auch schon mal «heimlich» mit mir deutsch spricht.

Als kleine Belohnung darf ich am Ende der Woche mit zur «Celebration of Sight», die jeweils in einem angemieteten Haus stattfindet. Dort werden die Augenpatienten 6 Wochen nach der Katarakt-OP nochmals untersucht und gegebenenfalls Narbenbildungen gelasert. Einige erzählen ihre Geschichte und was es für sie bedeutet, wieder richtig sehen zu können. Sie sind so dankbar und glücklich, bedanken sich herzlichst und nehmen uns teils in den Arm. Da geht einem echt das Herz auf und meine Einstellung zu den Augen-OPs ändert sich schlagartig!

Deprimierend, erschreckend und interessant zugleich

Ein weiterer Gang von Bord geht ins Hope Center. Hier sind Patienten untergebracht, die nicht mehr an Bord sein müssen, aber weiter behandelt werden, oder aber von weiter her kommen und in den nächsten Tagen operiert werden. Viele Kinder mit extrem deformierten Beinchen oder ausgeprägten Lippen-Kiefer-Gaumenspalten begrüssen uns erwartungsvoll. Zu ihrer körperlichen Behinderung kommen die seelischen Narben, da solche Kinder oft verstossen oder ausgegrenzt werden. Viele Menschen hier sind abergläubisch und sehen die Erkrankung als Fluch.

Das Hope Center ist zu Fuss in 15-20 Min. vom Schiff gut und gefahrlos erreichbar. Durch die Strassen von Kaloum, wie dieser Stadtteil von Conakry heisst, zu gehen, ist deprimierend, erschreckend und interessant zugleich.

Kleine Patienten, grosse Freude

In meiner dritten Woche bin ich im OP 1, bei den Ortho-Kindern. Hier werden diese Woche Kinder zwischen 1 und 12 Jahren operiert, die Klumpfüsse, extremste X-oder O-Beine oder andere Fehlstellungen haben. Nach der OP werden die Beinchen meist für ungefähr 4 Wochen eingegipst.

Ein Chirurg aus Luxemburg, der seit über 20 Jahren in Kenia lebt und arbeitet, zeigt uns Fotos und Filme über seine Erfolge – so toll, wie gut das bei den Kindern zusammenwächst und heilt. Wir holen die Kinder vor der OP von der Station, wo sie zu 10. im Zimmer sind und unter ihren Betten eine Matratze liegt, damit ein Elternteil bei ihnen sein kann (Luxus, da sie zuhause meist auf dem Boden schlafen).

Ich überprüfe die Pre-OP-Checkliste, letztes Essen und Trinken, Hämoglobin-Wert, lockere Zähne und nehme, nachdem ein Gebet für meinen kleinen Patienten gesprochen wurde, diesen mit in den OP. Das Schöne daran ist, wenn man abends nochmal ins Zimmer kommt, erkennen dich die Kinder sofort und freuen sich, wenn du etwas Zeit für sie hast. Obwohl ich sonst eigentlich lieber am Tisch stehe, ist dieser Kontakt eine Bereicherung. Die Operation selber dauert meist ca. eine halbe Stunde, aber mit der Narkose und dem Gipsen danach, sind oft zwei Stunden um.

Einmal bin ich mittags im Patientenzimmer, um ein Kind abzuholen. Da steht ein Vater, dessen Beine selbst deformiert sind, am Bett seines Kindes, das schlafend und mit «geraden», eingegipsten Beinchen da liegt. Was muss das doch für ein grossartiges Gefühl sein, wenn es dem eigenen Kind erspart bleibt!!!

Wenn eine Operation das ganze Leben verändert

Auch wenn man hier natürlich nicht die Welt retten kann, für den Einzelnen ändert sich die Welt. Das wird mir immer bewusster, auch und besonders in der letzten Woche bei der Gesichts-und Kieferchirurgie. Ein Spezialist aus Neuseeland und einer aus Kalifornien operieren entstellende Tumore im Gesicht, Hals und am Kiefer, ersetzen Kieferteile. Es ist extrem beeindruckend: Eine Operation im Gesicht, das man immer vor sich sieht, wie bei einem 7-jährigem Mädchen, das durch ihre ausgeprägte Lippen-Kiefer-Gaumenspalte kaum essen und sprechen konnte; und dann nach 2-3 Stunden Puzzlearbeit durch den Operateur das Ergebnis mit der Hautnaht direkt sehen zu können – überwältigend! Ich war echt gerührt.

Dieser Einsatz war für mich eine ganz wertvolle, spannende und bereichernde Erfahrung. Und ich bin froh und dankbar, dass ich sie machen durfte.

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