Der Riss des vorderen Kreuzbandes ist eine der häufigsten Verletzungen des Knies, meistens passiert er beim Sport. Bisher waren vor allem zwei Behandlungsmethoden verbreitet: Konservativ, also ohne Operation, nur mit Schienenbehandlung und Physiotherapie, um die Kniestabilität zu verbessern; oder eine Operation, bei der das gerissene Kreuzband durch eine körpereigene Sehne ersetzt wird. Seit einiger Zeit ist es aber auch möglich, das eigene Kreuzband zu erhalten und es beim Zusammenwachsen zu unterstützen, mit einem sogenannten Ligamys-Implantat.

Wer hat’s erfunden? Die Schweizer. Die Ligamys-Methode zur Behandlung von Kreuzbandrissen wurde von Berner Chirurgen entwickelt. Um Ihnen das Prinzip der Ligamys-Methode zu erklären, gebe ich zuerst einen kurzen Einblick in die Geschichte der Kreuzbandchirurgie.

Geschichte der Kreuzbandchirurgie

Die Grundidee von Ligamys basiert eigentlich auf einer alten und inzwischen wieder verlassenen Methode, die damals schlecht funktioniert hat. In den 70er Jahren war es Praxis, gerissene Kreuzbänder wieder zusammenzunähen. Bei wenigen Patienten ergab dies gute Resultate, bei den meisten heilten die Bänder aber nicht richtig bzw. rissen schnell wieder. Hauptgrund war wohl, dass das Kreuzband nicht immer die gleiche Spannung hat, je nach Streck- oder Beugeposition des Knies. Dieser wechselnde Zug auf dem Band zieht die Naht immer wieder auseinander, sodass es gar nicht richtig in Ruhe verheilen kann.

So verliess man den Weg der Kreuzbandnaht und kam zu zwei anderen Behandlungsoptionen. Zum einen konservativ, also ohne Operation: Mit Training der Oberschenkelmuskulatur soll die Kniestabilität für den Alltag verbessert werden. Zum anderen die Operation mit einem Kreuzbandersatz: Dazu wird das Kreuzband mit einem Streifen einer körpereigenen Sehne ersetzt. Diese Lösung funktionierte meist sehr gut, weshalb sich diese sogenannte Ersatzchirurgie auch über 30 Jahre lang durchsetzte. Restprobleme blieben aber, die unter anderem auf der Sehnenentnahme basierten.

Dann kam die Schweizer Erfindung: Berner Chirurgen um Prof. Dr. med. Stefan Eggli stellten sich selbst die Frage, ob man denn das Kreuzband wirklich nicht nähen und so erhalten kann, und kamen so auf die Idee des kleinen Zusatzimplantats, des Ligamys. Eine brillante Idee, zu denen ich den Kollegen nur gratulieren kann.

Federnde Verstärkung und Schutz für das Kreuzband dank Miniimplantat

Was macht nun aber ein solches Ligamys-Implantat? Es nimmt die Methode aus den 70er-Jahren auf, das Band wieder nach oben zu befestigen, verstärkt die ganze Konstruktion aber, damit das Band nicht schon während der Heilung wieder beschädigt wird. Das heilende Kreuzband erhält sozusagen einen Schutz, und zwar durch einen kräftigen Faden, der durch das Band hindurchgefädelt und an Ober- und Unterschenkel fixiert wird. Der Zug ist somit nicht primär auf dem heilenden Band, sondern auf dem Faden. Der springende Punkt ist, dass dieser Faden dank des kleinen zusätzlichen Implantats federnd aufgehängt wird, sodass dieser die Längenunterschiede bei Beugung und Streckung des Knies abfängt. Kurzfristig stellt Ligamys also die mechanische Stabilität des verletzten Knies wieder her. Mittelfristig ermöglicht es, dass das gerissene Kreuzband wieder zusammenwachsen kann.

Dazu sind ein 3-cm-Schnitt am Unterschenkel plus drei kleinere Schnitte am Kniegelenk nötig. Um Faden und Implantat zu fixieren, muss in Ober- und Unterschenkel gebohrt werden. Das Kreuzband selbst wird nicht genäht, sondern nur mit Hilfe der Fäden «hingebüschelt», also dorthin platziert, wo es hingehört, damit es wieder zusammenwachsen kann. Ein Teil der Fäden löst sich mit der Zeit auf, ein anderer bleibt drin, ebenso das kleine Implantat, das auf Wunsch des Patienten oder bei klinischer Notwendigkeit aber auch wieder entfernt werden kann.

Der operierende Arzt braucht für diese Technik Übung und Geduld. Schulterchirurgen sind sich diese Art von Eingriff und mit solchen Instrumenten zu arbeiten eher gewohnt. Als Kniechirurg muss man sich diese Technik erst anlernen. Hat der Arzt die nötige Routine, dauert der Eingriff etwa 30-50 Minuten. Der Eingriff ist in Voll- oder Teilnarkose möglich.

 

Rehabilitation nach der Operation

Die Rehabilitation nach der Operation ist ähnlich wie nach einem Kreuzbandersatz und beinhaltet eine vorsichtige Nachbehandlung am Anfang, weil man das Band erst mal richtig heilen lassen will: Einige Tage Ruhigstellung in einer Schiene, danach Aufbau durch Physiotherapie. Bis Sport wieder richtig möglich ist, dauert es etwa sechs Monate.

Möglichkeit eines Bandersatzes bleibt offen

Aktuelle Zahlen zeigen, dass wir bei etwa 10 Prozent der mit Ligamys behandelten Patienten ein Therapieversagen haben, was bei einem Kreuzbandersatz aber ähnlich ist. Bei beiden Methoden ist das Risiko für eine erneute Verletzung höher, wenn der Patient jung, extrem sportlich aktiv oder weiblich ist. Wächst das Kreuzband nach einer Ligamys-Operation nicht zusammen, kann problemlos im Nachhinein ein klassischer Bandersatz angebracht werden.

Vor- und Nachteile eines Ligamys-Implantats

Ein Vorteil ist, dass bei dieser Methode kein Ersatz aus dem eigenen Körper benötigt wird. Die zusätzliche operative Entnahme einer Sehne mit möglichen Risiken und Folgebeschwerden entfällt also. Das Feedback von Patienten ist auch, dass sich das Knie schneller wieder als das eigene anfühlt und nicht wie ein verletztes und geflicktes. Das lässt sich schlecht messen, sondern ist eher ein gefühlter Aspekt genauso wie der Grundgedanke vieler Patienten «Ich will kein Ersatzteil, sondern das eigene Kreuzband behalten.»

Ein Nachteil dieser Methode ist, dass sie sich nicht für Spitzensportler eignet. In der Regel sind diese zu früh nach der Operation wieder zu aktiv, was das Heilungsprinzip mit einem Ligamys-Implantat überfordert. Weiter haben manche Patienten nach der Operation ein etwas beengendes Gefühl im Knie; dies, weil man bei dieser Methode relativ früh in ein frisch verletztes Gelenk operiert.

Frühe Operation kann den Meniskus erhalten

Das für mich wichtigste Merkmal dieser Operationsmethode aber ist Vor- und Nachteil zugleich: Die Operation muss möglichst schnell nach der Verletzung geschehen, damit sie erfolgreich sein kann: Wir empfehlen innerhalb von drei Wochen nach dem Unfall. Je länger man nach dem Unfall wartet, desto mehr zieht sich das Band zurück und die Fähigkeit zusammenzuwachsen, also quasi der «Heilungswille», reduziert sich.

Das schliesst aber auch gleich den Hauptvorteil ein: Weil man so früh operieren muss, erkennt man während der Operation auch sehr früh und genau Begleitverletzungen, die oft den Meniskus betreffen, sodass man gleich in ein und derselben Operation eingreifen kann. Je früher eine Meniskusverletzung erkannt wird, desto besser kann sie genäht und der Meniskus so erhalten bleiben. Operiert man erst ein halbes Jahr später, muss man leider oft erkennen, dass ein Meniskus nicht mehr richtig heilbar operabel, sondern eher schon verfranst und degenerativ geschädigt ist. Die Kombination Kreuzbandoperation und Meniskusnaht bietet sodann die beste Chance, dass der Meniskus heilt. Das ist für mich der springende Punkt: Überlebt der Meniskus, überlebt das Knie. Oder anders formuliert: Ist der Meniskus verloren, ist das Risiko einer späteren Folgearthrose viel höher.

Ohne Ligamys, also bei einem Kreuzbandersatz finden die Operationen oft erst später statt, weil man erst schaut, ob die konservativen Massnahmen reichen. Nur den Meniskus im ersten Schritt zu operieren bringt auch nichts, denn damit dieser heilt, braucht es Kniestabilität. Und: Viele relevante Meniskusverletzungen, vor allem am Aussenmeniskus, werden im MRI-Untersuch gar nicht erkannt.

Methodenwahl je nach Patient

Welche Methode für welchen Patienten Sinn macht, hängt von verschiedenen Faktoren ab, vor allem vom Aktivitätsniveau des Patienten und ob Begleitverletzungen vorhanden sind:

  • Für einen sportlich weniger aktiven Patient, bei dem eine begleitende Meniskusverletzung ausgeschlossen werden kann, empfiehlt sich primär die konservative Behandlung, also ohne Operation.
  • Ein aktiver Mensch, der auch weiterhin Stop-and-go-Sportarten wie zum Beispiel Tennis oder Fussball betreiben will, wird es ohne Kreuzband eher schwer haben. Will ein solcher Patient die Chance packen, dass sein eigenes Kreuzband heilt, ist er der klassische Ligamys-Kandidat. Erst recht, wenn gleichzeitig auch der Meniskus verletzt ist.
  • Für einen Spitzensportler reicht die Ligamys-Methode meist nicht, sondern er braucht einen Kreuzbandersatz. Ist bei ihm zugleich der Meniskus verletzt, sollte die Operation auch möglichst früh ausgeführt werden, damit dieser frühzeitig genäht werden kann, zum Beispiel ca. sechs Wochen nach der Verletzung, wenn die Schwellung abgeklungen ist.