Harn- oder Stuhlinkontinenz ist für die Betroffenen eine grosse psychosoziale Herausforderung. Sie haben die Funktionen des eigenen Körpers nicht mehr unter Kontrolle und büssen damit ein grosses Stück der Lebensqualität ein. Doch Inkontinenz ist behandelbar und oft auch heilbar.

Bei Harninkontinenz verlieren Betroffene die Fähigkeit, Urin zu speichern und den Zeitpunkt für die Abgabe selbst zu bestimmen. Bereits ab dem ersten Tropfen Urinverlust spricht man von einer Inkontinenz. Alleine in der Schweiz gibt es 400‘000 Personen, die an Inkontinenz leiden. Selbst mit grosser Öffentlichkeitswirksamkeit von Selbsthilfegruppen für Harn- und Stuhlinkontinenz und mit der zunehmenden Aufklärung der Betroffenen, gelingt es nur sehr zögerlich, das Thema nicht als Tabuthema anzusehen.

Für die Betroffenen ist es vor allem wichtig, nicht über dieses Thema zu schweigen, sondern offen darüber zu sprechen. So schreibt der Urologe Prof. Dr. Klaus- Peter Jünemann im Vorwort einer Aufklärungsbroschüre zu diesem Thema: „Vor allem aber möchten wir eines: die Sprachlosigkeit aufheben und den Betroffenen Therapiemöglichkeiten aufzeigen. Harn- und Stuhlinkontinenz dürfen keine Tabuthemen sein!“

Information und Austausch

Das Lebensalter der Menschen in unserer heutigen Zeit nimmt zu. Deshalb ist es wichtig, durch Prävention, zeitiges Ansprechen und einen offenen Umgang mit diesem Thema einer Zunahme der Erkrankungen vorzubeugen. Denn die Grundvoraussetzungen für die Behandlung von Inkontinenz sind nebst der optimalen Kommunikation eine gute Aufklärung und Beratung sowie professionelles Wirken. Die Patienten sollten über die modernen Möglichkeiten der Abklärung und Behandlungsmöglichkeiten informiert werden.

Können Betroffene ihre Blase nicht mehr kontrollieren, sollten sie die Unterstützung und den Rat eines Arztes einholen. Viele Menschen empfinden aus Scham aber eine grosse Scheu vor Gesprächen, die dieses Thema betreffen. In diesen Fällen kann sich Mann oder Frau vor einem solchen Schritt in den Selbsthilfegruppen oder über Internetportale informieren. Über diese Wege finden Betroffene auch die Adressen und Informationsmaterial von ärztlichen Beratungsstellen oder zertifizierten Zentren.

Psychosoziale Belastung bei Inkontinenz

Die Fähigkeit den Darm- oder Blaseninhalt willkürlich zu speichern oder zu entleeren, wird vom Menschen im Laufe seines Lebens erlernt. Ein Kleinkind lernt im Alter zwischen zwei und fünf Jahren durch eine Erziehung zur Sauberkeit, die Urinausscheidung willkürlich zu kontrollieren. Viele Jahre bleibt für den Menschen die reibungslose Urinausscheidung eine Selbstverständlichkeit. Ein sehr filigranes Zusammenwirken aus unwillkürlich und willkürlich steuerbaren Nervenfasern ermöglicht einerseits die Speicherung von Urin, aber auch andererseits die bewusste Entleerung des Reservoirs (der Harnblase).

Falls jedoch bei diesen selbstverständlich gewordenen Körperfunktionen eine Störung eintritt, stehen oftmals plötzlich die Harnblase und die Kontrolle der Urinausscheidung im Mittelpunkt des Lebens. Einlagen oder gar Windeln zu tragen birgt einen Verlust an Menschenwürde in sich. Die Betroffenen isolieren sich oft immer stärker von ihren Mitmenschen. In diesen Fällen leidet auch die Psyche der Patienten erheblich. Diese seelischen Belastungen führen nicht selten zu Partnerschaftskonflikten, nicht zuletzt durch den Verlust eines erfüllten Sexuallebens.

Therapiemethoden bei Inkontinenz

Die Abklärung von Harnblasenentleerungsstörungen setzt ein grosses Vertrauensverhältnis zwischen dem Arzt und einem aufgeklärten Patienten voraus. Erst dann können in einer angemessenen Zeit eine fachkompetente Diagnose und die daran anschliessende Therapie dem Patienten zu mehr Lebensqualität verhelfen.

Inkontinenz tritt in verschiedenen Formen auf, beispielsweise als Belastungsharninkontinenz (eine Schwäche des Beckenbodens), Dranginkontinenz oder Überlaufinkontinenz. Sie sind mit verschiedenen Therapieformen zu behandeln.

Illustration Inkontinenzarten

Klicken Sie aufs Bild, um mehr über die einzelnen Formen von Inkontinenz zu erfahren.

Je gründlicher die ersten Gespräche mit dem Arzt verlaufen, umso besser kann den Betroffenen geholfen werden. Hilfreich beim ersten Arzt-Patienten-Kontakt sind die Erfassung von Begleiterkrankungen und Störungen mittels Fragebogen. Darin halten Patienten beispielsweise fest, wie viel sie trinken, wie regelmässig Blasenbeschwerden auftreten und wann sich diese besonders häufen.

Je nach Diagnose kommen verschiedenen Therapieformen zum Zug. Nichtoperative Methoden sind zum Beispiel Medikamente, die entweder als Präparate zum Schlucken oder als Pflaster angewandt werden. Die operativen Methoden haben sich Mitte der 90er-Jahre enorm weiterentwickelt: Im Gegensatz zu früher, als die Standardoperation meist eine Harnblasenanhebung war, können heutzutage spannungsfreie Schlingen oder Bänder (TVT, TOT oder andere) eingeführt werden. Diese Bänder verhindern den unwillkürlichen Urinverlust aufgrund eines ungenügenden Blasenverschlussmechanismus. Die neuen Operationsmethoden haben den Vorteil, dass viel weniger Gewebe verletzt wird, sie für den Patienten sicherer sind und er sich schneller wieder von der Operation erholt. Eine weitere Methode ist die Implantation von Harnblasenschrittmachern, die angewandt wird, wenn andere Methoden erfolglos sind. Verschiedene weitere Möglichkeiten können im Dialog zwischen Patient und Arzt besprochen werden.

In allen Fällen einer Harninkontinenz ist es wichtig, das Thema mit der Ärztin oder dem Arzt des Vertrauens zu besprechen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass nur etwa die Hälfte der Menschen mit einem Lebensalter von über 50 Jahren, bei denen eine Inkontinenz vorliegt, eine Beratung und Therapie ihres Leidens erhalten. Dabei gibt es durchaus einen ganze Reihe von Möglichkeiten der Beratung und Behandlung: Inkontinenz ist behandelbar und oft auch heilbar!

Bei diesen Anzeichen sollten Sie einen Arzt konsultieren:

Alle Menschen sollten ermutigt werden, auch bei ersten Anzeichen ärztlichen Rat einzuholen. Dazu gehören unter anderem:

  • Brennen beim Wasserlassen in der Harnröhre oder Harnblase
  • Veränderung (Abschwächung oder Unterbrechung) des Harnstrahls
  • Anwartezeit (verzögerter Beginn des Wasserlassens)
  • Gefühl der unvollständig entleerten Harnblase (Resturingefühl)
  • Fehlendes Gefühl der Harnblasenfüllung
  • Unkontrollierter Verlust von Urin (zum Beispiel beim Husten, Pressen und Niesen)