Der Hirslanden Belegarzt Dr. med. Wolfgang Steinke engagiert sich für das westafrikanische Land Togo – sowohl als Präsident des Vereins Togo-Assist als auch als Chirurg vor Ort. Mit dem Projekt «Medical Assist» möchte der Verein die medizinische Versorgung für die breite Bevölkerung langfristig verbessern.

Wer sich von der Schweiz aus in einem afrikanischen Land humanitär engagieren will, stösst auf viele Hürden. Die Distanz spielt dabei eine grosse Rolle. «Nachhaltige Hilfs- und Entwicklungsprojekte haben nur eine Chance, wenn die lokalen Verhältnisse bekannt sind und die Projekte vor Ort betreut werden können», erklärt Wolfgang Steinke. Der Belegarzt der Hirslanden Klinik Belair ist Präsident des Vereins Togo-Assist, der vor zwölf Jahren vom Togolesen Charles Adjetey gegründet wurde. Togo-Assist lanciert und begleitet in Togo lokale Entwicklungsprojekte. Alle Vereinsmitglieder arbeiten ehrenamtlich. Auch die Hilfseinsätze in Togo finden stets auf eigene Kosten statt. So können viele sinnvolle Projekte direkt und praktisch ohne finanzielle Reibungsverluste realisiert werden. Diese Projekte sind zurzeit in vier Bereichen angesiedelt: Pädagogik (Schule), Berufslehre (Werkstatt), Landwirtschaft (Farm) und Medizin (Medical Assist).

«Medical Assist» ist das jüngste der vier Tätigkeitsgebiete und hat zum Ziel, die medizinische Versorgung für die breite Bevölkerung langfristig zu verbessern. Das soll mit Hilfe zur Selbsthilfe und über direkte Zuwendungen an die Bedürftigen geschehen. Dazu gehören Weiterbildungen für Ärzte und Pflegepersonal vor Ort, Austauschprogramme und Materialsupport – alles in Zusammenarbeit mit geeigneten Spitälern und engagierten Ärzten.

Notfalleinsatz bei Busunglück

Beispiel eines Einsatzes vor Ort: Ein Team aus acht Leuten bestehend aus Arzt, Anästhesiepfleger, Rettungssanitäter, Elektriker und Allrounder reiste für zehn Tage nach Togo, um Hilfe zu leisten und laufende Projekte von Medical Assist, aber auch Schule, Werkstatt und Farm zu überprüfen. Im persönlichen Gepäck fanden sich 30 Blutdruckapparate, Verbands- und Fadenmaterial, Netze für Leistenbruchoperationen und weitere medizinische und technische Hilfsgüter. Der Plan war, im damals neu rekrutierten Spital Notsè Installationen im OP-Trakt durchzuführen und geplante Leistenbruch-Operationen vorzunehmen. Dies wurde auch alles getan, allerdings noch vieles mehr.

Schon am ersten Tag kamen das Team, die Blutdruckgeräte und vieles weitere medizinische Material zum Einsatz: Kaum war das Team mit dem Frühstück fertig, wurde es in die Notfallstation gerufen, wo 15 Verletzte von einem Busunglück eingetroffen waren. Und tatsächlich: Es herrschte Chaos im Behandlungsraum der Notfallstation. Neben den Verletzten lag auf einer Rollbahre ein Patient mit einem Kopfschuss, den Kopf eingewickelt, das Blut tropfte von der Bahre auf  den Boden. Auf einer weiteren Bahre lag eine Patientin mit beidseitigen Unterschenkelfrakturen und ein Patient mit einer Oberarmfraktur. Am Boden sass eine Patientin mit Gesichtsverletzungen mit zwei Babys, das eine mit einer gehörigen Delle im Schädel. Drei weitere bleiche Patienten mit kleineren Verletzungen sassen auf dem Fussboden an der Wand angelehnt. Die übrigen Patienten verteilten sich im Gang vor der Notfallstation am Boden oder auf Stühlen.

Dank der Neu-Ausrüstung mit Blutdruckapparaten konnte das Team zumindest bei allen Patienten in relativ nützlicher Frist die vitalen Funktionen überprüfen und die kreislaufmässig etwas kritischen Patienten in der Folge überwachen. Mit dem bisherigen einzigen Blutdruckgerät auf der Notfallstation wäre das nicht möglich gewesen. Dank dem mitgebrachten medizinischen Verbands-, Verbrauchs- und Fadenmaterial konnten alle Verletzte versorgt werden. Alle Patienten mit knöchernen Verletzungen, die nicht mit Gips behandelt werden konnten, wurden wegen fehlendem Material für die Operation von Notsè nach Lomè ins Universitätsspital verlegt. Das Problem lag allerdings darin, dass auch im Universitätsspital kaum genügend Material vorhanden war. Aufgrund der Strassen- und Verkehrsverhältnisse auf der Hauptverkehrsachse in die Sahelstaaten sind Unfälle mit Verletzungen leider keine Seltenheit.

Geplante und ungeplante Leistenbruchoperationen

Nach dem Intermezzo mit der Versorgung aller Verletzten ging es zur eigentlichen geplanten Arbeit, nämlich der Versorgung von Patienten mit Leistenbrüchen. Für den Aufenthalt des Teams von Togo-Assist wurden einige Patienten aufgeboten, die besonders grosse oder schwierige Leistenbrüche hatten. In Europa werden solche Brüche in der Regel mit Kunststoffnetzen zur Verstärkung der Bauchwand versorgt. Solche Netze sind in Afrika unbezahlbar. Dank Spenden konnte Togo-Assist drei solche Netze organisieren. Dr. Wolfgang Steinke, ging von zwei bis drei Patienten aus, da für den Aufenthalt im Spital nur maximal drei Tage vorgesehen waren. Tatsächlich waren nun aber zehn Patienten aufgeboten worden, die an zwei Operationstagen versorgt werden mussten. Die Netze waren zum Glück gross genug, so dass damit sechs Patienten versorgt werden konnten, vier mussten dann ohne Netz auskommen. Dies war möglich, da es sich um junge, nicht voroperierte Patienten handelte, bei denen man eine konventionelle Methode anwenden konnte.

Auch wenn nicht immer alles genau planbar ist, so ist ein wichtiger Teil der Arbeit vor Ort auch, sich die Zeit zu nehmen, um sich genauen Einblick zu verschaffen und Mitarbeiter, Material und Organisation kennenzulernen, um die weitere Hilfe genau und sinnvoll planen zu können. «Nur so kann eine nachhaltige Unterstützung erfolgen», ist Wolfgang Steinke überzeugt.

Informationen zum Verein, zu den Projekten, Mitgliedschafts- und Spendenmöglichkeiten: www.togo-assist.ch