Immer mehr Menschen treiben bis ins hohe Alter Sport. Fürs Herz-Kreislaufsystem sowie das allgemeine Wohlbefinden ist dies bekanntermassen sehr förderlich. Wie sieht es aber mit der Wirbelsäule aus? Sollen insbesondere Patienten mit Bandscheibenvorfall weiter Sport treiben?

Die menschliche Wirbelsäule hat 24 Wirbel: 7 Halswirbel, 12 Brustwirbel, 5 Lendenwirbel. Weitere Wirbel sind im Kreuzbein- und im Steissbein miteinander verschmolzen. Zwischen den Wirbelkörpern befinden sich die Bandscheiben. Diese haben die Funktion eines Puffers («Wasserkissen»), um vertikal auftretende Stösse abzudämpfen, Druck-, Zug-, Scher- und Dehnungskräfte aufzunehmen und gleichmässig auf die gesamte Auflagefläche zu verteilen.

Die Bandscheibe besteht aus einem konzentrischen, zwiebelschalenförmig aufgebauten Ring aus kollagenen Fasern (Knorpelfaserring), der einen zentral gelegenen Gallertkern mit sehr hohem Wassergehalt umhüllt. Durch Alterung und dauerhafte mechanische Überforderung nehmen der Flüssigkeitsgehalt und damit die Höhe und die Pufferfunktion des Gallertkerns ab. Der Faserring kann durch Alterung und dauerhafte mechanische Überforderung Risse bekommen. In der Folge kann eine Bandscheibenvorwölbung (Protrusion) oder ein Austritt von Bandscheibenkerngewebe (Prolaps) auftreten. Mit ca. 20 Jahren beginnen erste Alterungsprozesse in der Bandscheibe. Bewegungsmangel oder dauerhafte Überlastung der Bandscheiben beschleunigen die Alterung der Bandscheiben.

Faserring mit Rissen

Der Bandscheibenvorfall

Bei einer sogenannten Diskushernie kommt es zu Rissen im Faserring, die bis zum Bandscheibenkern reichen können. Dadurch verlagert sich der Kern nach hinten zum Spinalkanal, in dem das Rückenmark liegt. Die Kompression, d.h. der Druck des Bandscheibengewebes auf einen Spinalnerv kann zu ausstrahlenden Schmerzen in eine Region des Beines, welche durch den entsprechenden Nerv versorgt wird, führen.

Schmerzausstrahlung ins Bein

Diskushernien sind häufige Erkrankungen mit einer Häufigkeit von 1–2 % der Bevölkerung (150/100 000 Einwohner). Sie treten meist im Alter von 30–50 Jahren auf. Meistens betrifft es die zwei untersten Bandscheiben. Bei über 90 % der Patienten bessern sich die Beschwerden unter konservativer Therapie. Nur ca. 2–4 % müssen operiert werden. Dies vor allem beim Auftreten von Lähmungen oder Blasen-Mastdarm-Störungen, aber auch bei therapieresistenten Schmerzen. Insgesamt ist die Prognose sehr gut.

Wiederaufnahme und Rehabilitation

Auch nach einem Bandscheibenvorfall sollten Betroffene nicht auf Sport verzichten. Es ist aber ratsam, die Intensität und Art der sportlichen Übungen mit dem behandelnden Arzt zu besprechen. Unabhängig davon, ob ein Bandscheibenvorfall konservativ oder chirurgisch behandelt wird, muss die Wiederaufnahme der sportlichen Tätigkeit langsam erfolgen. Nach wie vielen Wochen dies geschieht, ist individuell äusserst verschieden. Meist erfolgt zuerst eine muskuläre Rehabilitationsphase unter physiotherapeutischer Anleitung, wobei mit isometrischen Kräftigungsübungen begonnen wird, also mit Übungen, bei denen die Muskulatur nicht bewegt, sondern durch eine Anspannung über mehrere Sekunden trainiert wird.

Sportarten mit gleichförmigen, kontrollierten Bewegungen und ohne Schläge wie Fahrradfahren, Nordic Walking oder Schwimmen sind für den Aufbau besser geeignet als Spielsportarten mit Richtungswechseln oder Kampfsportarten. Lauftraining, möglichst auf weichem Boden und mit gutem Schuhwerk, ist nach ca. zwei bis drei Monaten wieder möglich, das Training auf einem Crosstrainer meist früher. In der Regel kann davon ausgegangen werden, dass jede Art von Bewegung, die keine Schmerzen hervorruft, nicht schädlich ist. Leichte sportliche Betätigung stärkt die Rückenmuskulatur und fördert die Beweglichkeit. Sportarten, welche die Wirbelsäule in Längsrichtung mit Schlägen, mit Sprüngen und Drehungen belasten, sollten in den ersten drei Monaten vermieden werden. Auch auf Sportarten und Übungen, bei denen kurzzeitig grosse Lasten gehoben werden müssen, sollten Bandscheibenpatienten verzichten. Hierunter fallen beispielsweise Bodybuilding und Gewichtheben. Auch Spitzensport ist sowohl nach konservativer wie auch operativer Therapie mit entsprechender Rehabilitation und muskulärem Aufbau wieder möglich. Wie lange der muskuläre Aufbau bzw. die Rehabilitation dauert, ist ebenfalls sehr individuell und die Wiederaufnahme der Wettkämpfe hängt auch von der Sportart ab.

PD Dr. med. Nikolaus Aebli und Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler, Fachärzte FMH für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates mit Spezialisierung auf Wirbelsäulenchirurgie, AndreasKlinik Cham Zug

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